Meral Thoms: „Die Versorgung muss zum Umfeld der Menschen passen“

Zum Antrag der Fraktionen von CDU und Grünen im Landtag

Portrait Meral Thoms

Der Antrag „Fortschreibung des Landespsychiatrieplans“

Meral Thoms (GRÜNE): Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Psychische Gesundheit ist keine Nebensache. Sie ist Grundlage für eine gute Lebensqualität. Sie ist Grundlage für soziale Teilhabe und oft auch dafür, dass Menschen ihren Alltag überhaupt bewältigen können, morgens aufstehen können, sich fertig machen können, die Kinder unterstützen können.

Es ist richtig und notwendig, dass wir den Landespsychiatrieplan regelmäßig fortschreiben, denn Lebensrealitäten und Gesellschaften verändern sich. Denken Sie zum Beispiel an das zunehmende Thema der Klimaangst bei jungen Menschen – Ängste und Sorgen über die Auswirkungen der Klimakrise auf die eigene Zukunft, die berechtigt sind.

Eine Aktualisierung des Landespsychiatrieplans ist natürlich auch deswegen notwendig, weil sich wissenschaftliche Erkenntnisse weiterentwickeln.

Nicht zuletzt muss immer wieder überprüft werden, ob die Unterstützungs- und Hilfsangebote zu den Bedarfen unserer Gesellschaft passen, die sich auch mit dem demografischen Wandel verändert.

Die Bedarfe steigen an. Das haben wir eben schon gehört; die Zahlen sprechen eine ganz deutliche Sprache. In Deutschland ist jeder oder jede dritte Erwachsene im Laufe eines Jahres von einer psychischen Erkrankung betroffen – jede dritte Person. Allein in NRW leben 2 Millionen Menschen mit depressiven Störungen, etwa 800.000 mit Angsterkrankungen.

Besonders hinschauen müssen wir bei Kindern und Jugendlichen – das hat mein Kollege Marco Schmitz eben schon gesagt –: 23 % der jungen Menschen, Kinder und Jugendliche, berichten über Angstsymptome und starten mit dieser Belastung ins Leben. Frühe Hilfe ist entscheidend, denn je früher Belastungen erkannt werden, je früher junge Menschen Unterstützung erfahren, desto größer sind die Chancen, dass schwere Verläufe oder Chronifizierungen verhindert werden.

Gleichzeitig wissen wir – noch eine Zahl –, dass nur rund 19 %, also relativ wenige, der psychisch Erkrankten überhaupt professionelle Hilfe in Anspruch nehmen. Das hat zahlreiche Gründe. Wir haben immer noch zu viele Zugangsbarrieren. Wir haben lange Wartezeiten. Aber es gibt auch das Thema der Stigmatisierung, des Nichtredens über psychische Probleme, der Scham und der Unsicherheit.

Was ist uns bei der Aktualisierung und Fortschreibung des Landespsychiatrieplans wichtig?

Erstens das Thema „Entstigmatisierung“: Psychische Erkrankungen dürfen kein Tabu sein. Es ist wichtig und richtig, dass wir auch hier im Parlament darüber reden. Wir brauchen mehr Aufklärung, mehr Sensibilisierung und mehr Selbstverständlichkeit. Hier spielt die Selbsthilfe mit niedrigschwelligen Zugängen eine zentrale Rolle, und auch die soll gestärkt werden.

Zweitens. Prävention – Herr Schmitz hat es schon gesagt – ist zu stärken, und zwar früh, von Anfang an. Prävention darf auch nicht nur in Projekte münden, sondern muss systematisch angelegt werden. Es muss darauf geschaut werden, dass wir punktgenau diejenigen adressieren, die Unterstützungsbedarf haben. Sie muss sehr früh anfangen, spätestens im Grundschulalter. Sie muss niedrigschwellig sein und angesichts des demografischen Wandels auch mehrsprachig.

Wir müssen natürlich auch individuelle Lebensumstände berücksichtigen. Die Versorgung muss zum Umfeld der Menschen passen, es muss eine bedarfsgerechte Mischung aus ambulanter und teilstationärer Versorgung sowie stationsäquivalenten Angeboten sein; das alles wohnort- und alltagsnah.

Es braucht noch mehr Zusammenarbeit über Sektorengrenzen hinweg: ambulante Versorgung, stationäre Versorgung, Psychotherapie und die Gemeindepsychiatrischen Verbünde, deren Rolle es ist, zu vernetzen, Zugänge herzustellen. Übergänge müssen funktionieren, und die Gemeindepsychiatrischen Verbünde müssen noch weiter und nachhaltig gestärkt werden.

Wir dürfen auch nicht vergessen, vulnerable Gruppen in den Fokus zu nehmen: Schutzsuchende, Ältere, Frauen, Schwangere und Mütter rund um Geburt und Wochenbett. Wenn wir Teilhabe ernst nehmen, dann müssen wir gerade bei der psychischen Gesundheit genau hinschauen und Angebote dort ankommen lassen, wo Belastungen besonders hoch sind.

Auf den ersten Blick wirkt dieser Antrag so, als ginge es um Planung und um Strukturen. Wir sollten uns aber daran erinnern, dass es im Kern um eine große Anzahl von Menschen geht, die Hilfe benötigen; es geht um Kinder, um Familien, um Nachbarinnen und Nachbarn, um Kolleginnen und Kollegen, um Freundinnen und Freunde. Ich bitte Sie, stimmen Sie dem Antrag zu. – Herzlichen Dank.

(Beifall von den GRÜNEN und der CDU)

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