Marc Zimmermann: „Es bedarf einer guten Abstimmung verschiedener Bausteine, um den individuellen Bedürfnissen unserer Jugend gerecht zu werden“

Zum Antrag der FDP-Fraktion auf Einführung eines Freiwilligen Handwerksjahres

Portrait Marc Zimmermann

Marc Zimmermann (GRÜNE): Sehr geehrter Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen der demokratischen Fraktionen! In Schleswig-Holstein, genauer: in der Handwerkskammer Lübeck, wird derzeit mit einem Pilotprojekt erprobt, ob und unter welchen Voraussetzungen das Freiwillige Handwerksjahr erfolgreich umgesetzt werden kann. Nicht nur ich bin gespannt auf die Ergebnisse.

Jede Maßnahme, die junge Menschen in einen für sie passenden Beruf vermittelt und damit gleichzeitig Betrieben motivierte Mitarbeitende generieren kann, ist gerade mit Blick auf den Fachkräftemangel und den demografischen Wandel nur zu begrüßen. Doch nicht erst wenn junge Menschen die Schule verlassen, stellt sich für sie die Frage nach ihrer beruflichen Laufbahn. Diese Frage ergibt sich bereits deutlich früher.

Meine zwölfjährige Tochter beispielsweise überlegt, Köchin oder Bäckerin zu werden. In ihrer Schule wird sie bereits jetzt in ihren Neigungen und Fähigkeiten individuell aufgefangen und gefördert, und sie wird vielfach die Möglichkeit bekommen, Praxiseinblicke in ihre Berufswahl zu erhalten. Natürlich werden auch an ihrer Schule am Ende junge Menschen ins Berufsleben entlassen, die keine Vorstellung davon haben, was das Richtige für sie ist.

Tatsächlich können ein freiwilliges Handwerksjahr oder Ähnliches hier Hilfe bieten. Allerdings sind die Landesregierung – das ist schon angedeutet worden – und auch die Ampelkoalition bis zu ihrem Bruch für diese Fälle ins Handeln gekommen. Als jüngste Beispiele kann man „Ausbildungswege NRW“ oder die Berufsorientierungstage über das BIBB nennen.

Für alle Freiwilligendienste gilt das Arbeitsmarktneutralitätsgebot. Es muss sich um sogenannte Hilfstätigkeiten handeln, die keinen sozialversicherungspflichtigen Arbeitsplatz ersetzen. Das in der täglichen Arbeit im Handwerk sicherzustellen, wird schwierig und kann im Falle eines FHJ am Ende eher zu einer Negativbewertung für den Beruf führen, wenn die jungen Menschen hier als billige Hilfskräfte eingesetzt werden.

Es müsste also – so steht es auch in den Richtlinien zur Durchführung von Bundesfreiwilligendiensten – eine enge fachliche und pädagogische Begleitung sichergestellt werden. Können und wollen die Betriebe das leisten?

Ein solcher Freiwilligendienst ist zudem rechtlich nur zulässig, wenn er gemeinwohlorientiert ist und die Dienststelle ein formgebundenes Antragsverfahren, wie es so schön heißt, durchlaufen hat. Dass das auch für Dienste im Handwerk rechtlich gilt, ist sicher.

Eher zweifelhaft ist die tatsächliche Umsetzung. Hier müsste somit grundsätzlich vom Bund die Regelung zu Bundesfreiwilligendiensten angepasst werden. Selbst dann bliebe der weitere enorme bürokratische Aufwand, unter dem das Handwerk bereits heute leidet. Öffnen wir Freiwilligendienste jetzt für das Handwerk, kommt die nächste Forderung aus Einzelhandel, Gastro, Dienstleistungen usw. Inwieweit das dann einem zügigen Übergang von Schule in Beruf zuträglich ist, bleibt fraglich.

Grundsätzlich ist es natürlich Konsens, dass es die große Aufgabe ist, junge Menschen möglichst früh zu begleiten und ihnen Möglichkeiten von Praxiszeiten einzuräumen. Das funktioniert nicht mit der einen Maßnahme, sondern bedarf einer guten Abstimmung verschiedener Bausteine, um den individuellen Bedürfnissen unserer Jugend gerecht zu werden.

Daran arbeitet die Landesregierung stetig. Die Verantwortlichen bei der Fachkräfteoffensive und dem KAoA-Verfahren haben dies auf dem Schirm. Der angekündigte Zwischenbericht zur Fachkräfteoffensive wird das ebenfalls zeigen. Dem werden sicherlich in Zukunft Maßnahmen folgen.

Das Freiwillige Handwerksjahr in Lübeck ist derzeit in Erprobung. Das ist gut und wichtig. Wir sollten jetzt nicht den Fehler machen und in NRW parallel dazu ein solches Projekt starten, ohne die Auswertung aus Lübeck abzuwarten, damit wir Fehler vermeiden, die im Verlauf des Projektes gegebenenfalls ans Tageslicht treten.

Abschließend: Der Vorstoß, mehr Praktika zu ermöglichen, ist richtig, aber kein neuer. Die Idee, durch ein freiwilliges Handwerkspraktikum dem einen oder der anderen eine letzte Orientierung zu geben, ist auch sehr reizvoll.

In Anbetracht der erwähnten verschiedenen auch rechtlichen Bedenken ist eine Überweisung an den Ausschuss sicherlich angezeigt. Dem stimmen wir sehr gerne zu und freuen uns auf den konstruktiven Austausch an anderer Stelle zu diesem Thema. – Vielen Dank.

(Beifall von der CDU und den GRÜNEN)

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