Lena Zingsheim-Zobel: „Die ABC-Klassen sollen vor allem mehr Kindern gute Bildungschancen bieten“

Zum Entwurf der Landesregierung zum 18. Schulrechtsänderungsgesetz - erste Lesung

Portrait Lena Zingsheim-Zobel

Lena Zingsheim-Zobel (GRÜNE): Sehr geehrte Frau Präsidentin! Sehr geehrte Damen und Herren! Liebe Frau Engin, ich frage mich gerade, ob wir den gleichen Gesetzentwurf lesen.

(Beifall von den GRÜNEN)

Sie sagen, Kinder in der Kita würden, weil sie an einer zusätzlichen Sprachförderung teilnehmen, denken, sie seien nicht gut genug. Diesen Gedanken dürfen wir uns doch in keinem System für Kinder wünschen, egal ob in Kita oder in Schule.

(Dilek Engin [SPD]: Dann lassen Sie es doch bitte!)

Ich möchte, dass Kinder in Nordrhein-Westfalen sagen können: Ich bin gut, weil ich durch Sprache die Welt entdecke, weil ich Fragen stellen kann und weil ich mich ausdrücken kann.

(Beifall von den GRÜNEN – Dilek Engin [SPD]: Aber nicht mit diesem Gesetzentwurf!)

Deshalb ist es richtig und wichtig, dass wir heute über die vorschulische Sprachförderung sprechen. Mit dem vorliegenden Gesetzentwurf nehmen wir einen entscheidenden Moment im Leben eines Kindes in den Blick, die Zeit vor dem Schuleintritt. Denn wir wissen aus vielen Studien und aus der Praxis: Der Übergang von der Kita zur Schule und damit einhergehend die Frage nach wichtigen, ja zentralen Kompetenzen, die Kinder zunehmend brauchen, ist bedeutend.

Sprachförderbedarfe bei Kindern haben viele Ursachen, und auch die Ausprägungen sind vielfältig. Einigen Kindern fehlt es noch an umfassendem Wortschatz, um am Unterricht teilnehmen zu können, einige Kinder brauchen logopädische Unterstützung, manchen fehlt das Sprachverständnis für die deutsche Sprache. Deshalb ist es so zentral, dass Kinder mit ausreichenden Sprachkenntnissen in die Schule starten.

Wir stärken mit diesem Gesetz die vorschulische Sprachförderung systematisch. Wir schaffen damit eine bessere Grundlage für den Start ins Schulleben und damit für den weiteren Bildungsweg vieler Kinder. Dabei sind besonders folgende Punkte wichtig:

Erstens. Die Sprachförderung ist verpflichtend für alle Kinder, die bei einem Sprachscreening bestimmte Mindeststandards nicht erreichen.

Zweitens. Die Sprachförderung findet unabhängig davon statt, ob Kinder eine Kita besuchen oder nicht.

Drittens. Jedes Kind bekommt die Unterstützung, die es bekommen soll und braucht.

(Silvia Gosewinkel [SPD]: Wie denn in einer Gruppe? – Dr. Dennis Maelzer [SPD]: Während der Busfahrt, ne?)

Damit wir eine Verpflichtung hinbekommen, nutzen wir das Schulgesetz, weil der Hebel der Schulpflicht nun einmal zieht.

(Beifall von den GRÜNEN)

So kann man sicherstellen, dass auch all diejenigen erreicht werden, die bislang keine Kita besuchen. Ein anderer Hebel geht gerade leider wegen der Bundesgesetzgebung nicht: ein verpflichtendes Kita-Jahr.

(Beifall von den GRÜNEN)

Das würde aber auch nicht mehr Verbindlichkeit bringen, als eben jetzt über das Schulgesetz zu gehen.

Wir werden uns alle einig sein, dass wir unsere Jüngsten stärker und intensiver fördern müssen. Uns geht es darum, Kinder zu begleiten, sie zu stärken und ihre Neugierde auf noch mehr Wissen zu wecken. Die Kitas in Nordrhein-Westfalen leisten jeden Tag unter immensen Herausforderungen Großartiges. Kitas sind und bleiben Orte des Lernens, der Entwicklung, der sozialen Interaktion und auch der alltagsintegrierten Sprachförderung. Deshalb darf Sprachförderung nicht losgelöst von den Orten stattfinden, an denen Kinder bereits lernen und wachsen.

Das Beste für unsere Kleinsten erzielen wir, wenn Schulen und Kitas Hand in Hand arbeiten, wenn pädagogische Fachkräfte, wenn Lehrkräfte und Kommunen gemeinsam daran arbeiten, Kinder bestmöglich zu unterstützen, und vor allem, wenn das Lernen einer Sprache in den Alltag des Kindes integriert wird. Das Gesetz legt dafür zunächst die Rahmenbedingungen fest. Die konkrete Ausgestaltung dieser Zusammenarbeit wird in enger Abstimmung beider Ministerien erfolgen.

Ich sage aber auch ganz klar: Kein schulisches Angebot ersetzt die frühkindliche Bildung in den Kitas. Erst recht ist kein schulisches Angebot dafür da, zu kompensieren, was Kita vermeintlich nicht schaffen würde. Wenn das Schulsystem durch noch mehr Lehrkräfte und die Power die Arbeit in den Kitas unterstützen kann, sollten wir das als Moment nutzen, um die Zusammenarbeit beider Systeme zu intensivieren.

(Beifall von den GRÜNEN und der CDU)

Mit der Umsetzung der Sprachförderung übernehmen die Städte und Gemeinden eine große Aufgabe. Sie organisieren und koordinieren Angebote, schaffen Strukturen und bringen Beteiligte vor Ort zusammen. Wenn das Land diesen Kommunen die Aufgabe überträgt, müssen wir sie natürlich auch in angemessenem Maße dabei unterstützen und dürfen wir sie mit diesen Aufgaben nicht im Regen stehen lassen.

Bei all dem dürfen wir nicht vergessen: Die Sprachkompetenz ist ein wichtiger Baustein für fitte Kinder und gute Bildungschancen. Natürlich muss es auch Auftrag sein, weitere Kompetenzen ganzheitlich in den Prozess einzuflechten. Die ABC-Klassen sollen vor allem mehr Kindern gute Bildungschancen bieten. Lassen Sie uns auf dieser Grundlage daran arbeiten, dass jedes Kind in unserem Land mit guten Voraussetzungen in die Schule starten kann, damit jedes Kind eine faire Chance bekommt. Der Überweisung in den Ausschuss stimmen wir gerne zu.

(Beifall von den GRÜNEN und der CDU)

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