Gönül Eğlence: „Unser Ziel muss sein, Ungleichheiten auszugleichen, bevor sie sich verfestigen“

Zum Antrag der FDP-Fraktion zu frühkindlicher Bildung

Portrait Gönül Eglence

Gönül Eğlence (GRÜNE): Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleg*innen der demokratischen Fraktionen! Ich will mit Folgendem starten: Heute beginnt das Zuckerfest. Viele Schülerinnen und Schüler gehen nicht zur Schule, weil sie dieses Fest begehen. Dazu möchte ich gerne meine Glückwünsche aussprechen. Morgen werden sehr viele Kinder noch zusätzlich das Newrozfest feiern. Es sind also schöne Tage.

(Beifall von den GRÜNEN und der SPD)

Zum Thema: Ein guter Start in die Schule ist entscheidend, darin sind wir uns alle einig. Den Weg, den die FDP vorschlägt, ist aus unserer Sicht aber nicht der richtige. Denn was auf den ersten Blick nach Förderung klingt, ist in Wahrheit ein Schritt in die Richtung früher Aussonderung.

Kinder, die gerade am Anfang ihres Bildungsweges stehen, werden in schulfähig – in Anführungsstrichen – und nicht schulfähig eingeteilt und dann getrennt beschult. Das ist nicht nur pädagogisch fragwürdig, sondern auch gesellschaftlich problematisch. Denn wir wissen, dass frühzeitige Trennung zu Stigmatisierung führt.

(Franziska Müller-Rech [FDP]: Wenn man Förderung jetzt schon als problematisch bezeichnet!)

Sie verstärkt genau die Ungleichheiten, die wir eigentlich abbauen wollen.

(Zurufe von Franziska Müller-Rech [FDP] und Stefan Zimkeit [SPD])

Unser Ziel muss ein anderes sein, nämlich Ungleichheiten früher auszugleichen, bevor sie sich verfestigen.

(Zuruf von Franziska Müller-Rech [FDP])

Deshalb setzen wir dort an, wo es wirklich wirkt: bei der frühkindlichen Bildung.

(Franziska Müller-Rech [FDP]: Nein, eben nicht! – Zuruf von Henning Höne [FDP])

– Doch, das tun wir, weil wir vor der Schule ansetzen. Sie wollen die Kinder in die Schule bringen und dann getrennte Klassen machen. Das ist das, was Sie mit Ihrem Antrag sagen.

(Franziska Müller-Rech [FDP]: War Ihre Rede schon fertig geschrieben, bevor Sie überhaupt die von Herrn Höne gehört haben? Herr Kollege Höne hat sich vier Minuten intensiv damit auseinandergesetzt!)

Genau das wollen Sie aber eigentlich nicht machen.

Dass die Sprache Schlüssel für Bildung und Teilhabe ist, darüber sind wir uns auch einig. Sie wird aber nicht in separaten Übergangsklassen gelernt, sondern im Alltag, von Kindern in Kitas, im Spiel, im sozialen Miteinander.

(Zurufe von Franziska Müller-Rech [FDP], Florian Braun [CDU] und Stefan Zimkeit [SPD])

Darum stärken wir auch die vorschulische Sprachförderung systematisch. Darum sorgen wir dafür, dass jedes Kind, das Unterstützung braucht, diese auch bekommt – verbindlich und frühzeitig.

(Beifall von Jule Wenzel [GRÜNE] – Zuruf von Henning Höne [FDP])

Vizepräsidentin Berivan Aymaz: Liebe Frau Kollegin Eğlence, es liegt eine Wortmeldung vor, der Wunsch nach einer Zwischenfrage von dem Abgeordnetenkollegen Herrn Dr. Maelzer. Möchten Sie diese zulassen?

Gönül Eğlence (GRÜNE): Ja, bitte.

Vizepräsidentin Berivan Aymaz: Bitte schön.

Dr. Dennis Maelzer (SPD): Vielen Dank, Frau Präsidentin. – Vielen Dank, Frau Kollegin, dass Sie die Zwischenfrage zulassen.

Sie haben eben darauf abgehoben, Sie würden bei der frühkindlichen Bildung ansetzen. Warum lassen Sie dann die Sprachförderung nicht durch die Fachkräfte der frühkindlichen Bildung durchführen, die für Sprachförderung für diese Altersgruppe ausgebildet sind?

Warum meinen Sie, dass Lehrerinnen und Lehrer das besser können, obwohl die gar nicht dafür ausgebildet sind, das mit dieser Altersgruppe zu machen?

Gönül Eğlence (GRÜNE): Herr Dr. Maelzer, danke für die Frage, aber darüber haben wir gestern ausführlich debattiert. Frau Zingsheim-Zobel hat klar und deutlich darauf hingewiesen, dass wir einen Hebel brauchten, um Bildungsangebote auch in der frühkindlichen Phase machen zu können, und der Hebel ist eben das Schulgesetz. Deswegen machen wir das damit.

(Zuruf von Andrea Busche [SPD])

Ich gehe weiter, weil hier darauf abgehoben wird, dass es darum gehe, Kinder durch die Gegend zu chauffieren. Wichtig ist doch – das ist der Vorschlag –, dass der Förderort frei wählbar ist. In Kitas, Schulen oder eben auch an anderen geeigneten Orten ist die Förderung möglich.

Dafür brauchen wir in der Tat eine enge Zusammenarbeit von Kitas und Schulen – auch das ist richtig –: ein durchgängiges Bildungssystem statt neuer Brüche. Was die FDP vorschlägt, ist dagegen ein isoliertes Modell, ein zusätzliches System neben den bestehenden Strukturen …

(Franziska Müller-Rech [FDP]: Nein, ist es nicht!)

– Doch ist es.

(Franziska Müller-Rech [FDP]: Nein!)

– Ich habe den Antrag sehr aufmerksam gelesen.

… und damit nämlich genau das, was Sie kritisieren: eine Einzelmaßnahme ohne echte Verzahnung.

(Beifall von den GRÜNEN und der CDU)

Es ist richtig, dass wir über Sprachförderung sprechen, aber es ist nicht richtig, Kinder auszugrenzen, statt sie von Anfang an mitzunehmen. Gute Bildungspolitik erkennt Potenziale, sie sortiert nicht aus.

(Dr. Dennis Maelzer [SPD]: Genau das machen Sie mit Ihren ABC-Klassen doch: Kinder aus der Kita aussortieren, in einen Bus stecken und defizitorientiert alleine …)

Lassen Sie uns deshalb gemeinsam an Lösungen arbeiten, die verbinden, statt zu trennen, die stärken, statt zu stigmatisieren, und die jedem Kind die Chance geben, von Anfang an dazuzugehören. – Vielen Dank.

(Beifall von den GRÜNEN – Vereinzelt Beifall von der CDU)

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