Eileen Woestmann: „Die Bedeutung der Herkunftssprache ist gerade für Kinder zentral“

Zum Antrag der SPD-Fraktion zum "Chancenjahr"

Portrait Eileen Woestmann

Eileen Woestmann (GRÜNE): Sehr geehrter Herr Präsident! Verehrte Kolleginnen und Kollegen der demokratischen Fraktionen! Wir versuchen es heute einfach neu. Mal schauen, wie lange meine Stimme heute reicht.

(Zuruf von Dilek Engin [SPD])

An allererster Stelle steht doch für uns alle, dass unsere Kinder, wenn sie in die Schule kommen, der deutschen Sprache mächtig sind und dementsprechend auch am Unterricht teilnehmen können. Natürlich muss das Ziel sein – ich stehe hier als Kinderpolitikerin –, dass am Ende so wenige Kinder wie möglich in den ABC-Klassen sein werden. Genau deswegen passiert in der Kita schon eine ganze Menge zum Thema „Sprachförderung“, und genau das wird auch weiter passieren.

Wir haben ein sehr etabliertes System mit den plusKITAs in Nordrhein-Westfalen, in denen schon sehr lange sehr gezielt Sprachförderung angeboten wird und in denen die Kinder unterstützend begleitet werden. Darüber hinaus gibt es in Nordrhein-Westfalen die Sprach-Kitas, die erst ein Bundesprogramm waren und inzwischen ein Landesprogramm sind. Dort wird ebenfalls Sprachbildung durchgeführt.

Diese Angebote werden mit der Einführung der ABC-Klassen nicht abgeschafft. Vielmehr sollen die ABC-Klassen die Sprachförderung in der Kita ergänzen.

(Beifall von den GRÜNEN und der CDU)

Außerdem haben wir in Nordrhein-Westfalen die Familienzentren. Auch hier wird gute, wichtige Arbeit für die Kinder geleistet. Die Familienzentren sollen, um mehr Chancengerechtigkeit zu gewährleisten, zu Chancen-Kitas weiterentwickelt werden, in denen Ungleiches ungleich behandelt werden kann und Sprachförderung, wenn es den Bedarf gibt, noch einmal anders aufgestellt werden kann.

Darüber hinaus wird es den Kita-Sozialindex geben, mit dem auch genau geschaut werden kann, in welchen Kitas wir einen erhöhten Bedarf haben, um dort noch einmal gezielt fördern zu können.

Ein anderer Punkt, der dabei nicht untergehen darf, ist die Verantwortung der Eltern. Denn natürlich hat in der Frage, wie Kinder Sprache lernen, das eigene Elternhaus eine große Relevanz. Das gehört zur Wahrheit auch dazu. Die Arbeit der Eltern, die da geleistet wird, werden wir niemals institutionell ersetzen können.

An dieser Stelle ist es mir ein Anliegen, auch einmal auf die Bedeutung von Herkunftssprache einzugehen, weil ich hier immer wieder den Eindruck habe, dass es darum geht, zu sagen: Wir haben Kinder, die Deutsch sprechen; das sind die guten Kinder. Und wir haben Kinder, die kein Deutsch sprechen; das sind die weniger guten Kinder. – Das ist mitnichten der Fall.

(Beifall von den GRÜNEN und der SPD – Vereinzelt Beifall von der CDU)

Die Bedeutung der Herkunftssprache ist gerade für Kinder zentral. Es ist ein Riesengeschenk, wenn Kinder zweisprachig oder sogar mit noch mehr Sprachen aufwachsen dürfen. Diesen Aspekt müssen wir auch in unserem System weiter abbilden und fördern. Wir dürfen die Herkunftssprache nicht herabwürdigen und so tun, als habe es, wenn Kinder zu Hause nicht Deutsch sprechen, eine negative Auswirkung auf ihren weiteren Lebensweg.

Aus grüner Perspektive würde ich sehr gerne auch über ein verpflichtendes Kita-Jahr oder zwei verpflichtende Kita-Jahre sprechen, weil das zentral ist, um Kinder frühzeitig durch Förderung zu unterstützen. Zur Wahrheit gehört aber, dass wir dafür eine Änderung im SGB VIII bräuchten, weil wir aktuell nach dem SGB VIII keine Kita-Pflicht oder kein verpflichtendes Kita-Jahr umsetzen können.

Deswegen ist es richtig, dass die ABC-Klassen im Schulgesetz verankert werden. Dort wird eine höhere Verbindlichkeit geschaffen, als wir sie bei den Kitas aktuell abbilden können. Damit richten sich die ABC-Klassen auch sehr klar an die Eltern, die nicht über die Kitas erreicht werden und auch nicht möchten, dass ihre Kinder in der Kita betreut werden, aber trotzdem einen höheren Bedarf an Unterstützung haben.

Ein anderer Punkt, der in Ihrem Antrag aufgegriffen wird und den ich gerne unterstützen möchte, ist die Frage, wie wir eigentlich die U‑Untersuchungen besser nutzen können. Auch das ist ein Punkt, der sehr richtig ist. Darüber habe ich auch schon diverse Gespräche geführt. Denn wir haben da tatsächlich eine sehr gute Datengrundlage, und zwar nicht nur zur Sprache, sondern auch zur körperlich-motorischen Entwicklung und zur gesundheitlichen Entwicklung. Allerdings ist die einhellige Rückmeldung, die ich dazu bekomme, dass es extrem schwierig ist, diese U‑Untersuchungen weiterzuentwickeln und zu verändern, weil auch dem das Bundesgesetz in Teilen im Wege steht.

Wir dürfen trotzdem nicht davor kapitulieren, sondern müssen weiter dranbleiben. Das ist eine große Aufgabe, der wir uns offensichtlich alle verpflichtet fühlen. Das ist richtig und wichtig. Dementsprechend denke ich, dass wir daran in Zukunft weiter arbeiten werden.

(Beifall von den GRÜNEN – Vereinzelt Beifall von der CDU)

Wir werden der Überweisung an den Ausschuss zustimmen.

Nichtsdestotrotz möchte ich hier einmal darauf hinweisen, dass wir in der letzten AFKJ-Sitzung ein sogenanntes Expertengespräch zum Thema „Sprachförderung“ vereinbart haben. Mir erschließt sich nicht so ganz, was der Unterschied zwischen dem Expertengespräch und dieser Anhörung sein soll. Es klingt für mich sehr stark nach einer Doppelstruktur, die wir hiermit schaffen

(Dr. Dennis Maelzer [SPD]: Damit kennt ihr euch natürlich aus!)

und die aus meiner Perspektive nicht hilfreich ist. Wir sprechen hier immer wieder darüber, dass wir Doppelstrukturen abschaffen müssen. Jetzt produzieren wir selbst eine. Ich weiß nicht, ob das hilfreich ist. Aber wir können das machen. Dementsprechend stimmen wir der Überweisung zu. – Vielen Dank.

(Beifall von den GRÜNEN – Vereinzelt Beifall von der CDU)

Mehr zum Thema

Kinder & Familie