I. Ausgangslage
Psychische Gesundheit ist eine zentrale Voraussetzung für gesellschaftliche Teilhabe und individuelle Lebensqualität. Ein zeitgemäßes Verständnis psychischer Gesundheit beginnt daher mit weitsichtiger Präventionsarbeit und geht stets über die Behandlung von Erkrankungen hinaus. Es erfordert Versorgungsstrukturen, die Menschen befähigen, ihre individuellen Fähigkeiten zu entfalten und am gesellschaftlichen Leben teilzuhaben. Vor diesem Hintergrund ist es erforderlich, die psychiatrische Versorgung in Nordrhein-Westfalen strategisch weiterzuentwickeln und stärker sektorenübergreifend, bedarfsgerecht und lebensweltorientiert auszurichten.
In Deutschland ist etwa jede dritte erwachsene Person im Laufe ihres Lebens von einer psychischen Erkrankung betroffen.1 Psychische Erkrankungen berühren somit nahezu alle Menschen unmittelbar oder mittelbar über ihr familiäres, soziales oder berufliches Umfeld. Die verfügbaren Daten zur psychischen Gesundheit in Nordrhein-Westfalen zeigen insgesamt eine anhaltend hohe und in Teilen weiter zunehmende psychische Belastung in verschiedenen Be-völkerungsgruppen.2 So leiden laut Gesundheitsatlas Deutschland in Nordrhein-Westfalen rund 2,1 Millionen Personen an einer depressiven Störung. Rund 800.000 leiden an einer Angsterkrankung.
Rund 240.000 Menschen in Nordrhein-Westfalen werden jährlich stationär psychiatrisch be-handelt.3 Den größten Anteil bilden dabei Erkrankungen im Zusammenhang mit psychotropen Substanzen, insbesondere Alkohol sowie Beruhigungs- und Schmerzmittel, gefolgt von affektiven Störungen wie Depressionen.4 Die stationäre psychiatrische Versorgung hat sich in den vergangenen Jahren deutlich verdichtet: mehr Behandlungen bei kürzeren Aufenthalten und weniger Betten führen zu einem hohen Durchlauf und wachsendem Belastungsdruck auf die Versorgungsstrukturen.
Für Menschen mit psychischen Erkrankungen bedarf es neuer, gestufter und bedarfsgerechter Versorgungsmodelle, die sektoren- und settingübergreifend ausgerichtet sind und sich an den individuellen Bedürfnissen der Betroffenen orientieren.5 Innovative Versorgungsmodelle wie Konzepte zur vorgeplanten überörtlichen Hilfe oder stationsäquivalente Behandlungen (StäB), ermöglichen eine bedarfsorientierte, wohnortnahe Behandlung und tragen zur Reduktion von Zwangsmaßnahmen bei. Erste Evaluationen belegen eine signifikante Entlastung der Fachkräfte, eine geringere Einweisungsrate und eine höhere Zufriedenheit bei den Patientinnen und Patienten.6
Trotz der Vielfalt ambulanter, (teil-)stationärer und ergänzender Angebote bestehen weiterhin Abstimmungsdefizite zwischen den Versorgungsbereichen, insbesondere in der langfristigen Begleitung von Menschen mit chronischen psychischen Erkrankungen und bei der Förderung ihrer gleichberechtigten gesellschaftlichen Teilhabe7. So engagiert sich das Land Nordrhein-Westfalen in der Weiterentwicklung gemeindepsychiatrischer Verbünde mit dem Ziel, die Zusammenarbeit der beteiligten Akteure sektorenübergreifend zu stärken8.
Besondere Aufmerksamkeit erfordert die Versorgung vulnerabler Personengruppen. Dazu zählen unter anderem rund 108.000 wohnungslose Menschen9, von denen mehr als jeder zweite eine Suchterkrankung aufweist.10 Hinzu kommen rund 800.000 Schutzsuchende, die aktuell in Nordrhein-Westfalen leben.11 Studien belegen, dass die Prävalenz posttraumatischer Belastungsstörungen bei Letzteren deutlich über dem Bevölkerungsdurchschnitt liegt und ihnen daher frühzeitige psychologische und psychiatrische Unterstützung zuzukommen lassen ist.12
Darüber hinaus bestehen ausgeprägte geschlechtsspezifische Unterschiede in der psychischen Gesundheit. Frauen berichten in Nordrhein-Westfalen wie bundesweit häufiger depressive Symptome als Männer. Männer hingegen zeigen bei depressiven Erkrankungen häufiger andere Symptomverläufe und nehmen Unterstützungsangebote deutlich seltener in An-spruch.13 Gleichzeitig nimmt Gewalt gegen Frauen durch Männer weiter zu, mit erheblichen psychischen und gesundheitlichen Folgen.14 Laut polizeilicher Kriminalstatistik Nordrhein-Westfalen waren im Jahr 2024 etwa 30.000 Frauen jährlich von sexualisierter Gewalt betroffen, die häufig mit langfristigen psychischen Folgeerkrankungen einhergeht.
Trotz der hohen Verbreitung psychischer Erkrankungen nehmen derzeit nur rund 19 Prozent der betroffenen Menschen eine professionelle Behandlung in Anspruch.15 Dies könnte zum einen auf strukturelle Zugangsbarrieren, aber auch auf Defizite in der Aufklärung und Gesundheitskompetenz verweisen – die bei knapp 60 Prozent der Deutschen als eher gering eingeschätzt wird.16 Im Bereich der psychischen Gesundheit kann dies mit Stigmatisierung, Schamgefühlen und Unsicherheiten bei der Hilfesuche einhergehen und eine frühzeitige Inanspruchnahme professioneller Unterstützung erschweren.
Untersuchungen wie die COPSY-Studie (2024) zeigen auch, dass die psychische Belastung von Kindern und Jugendlichen weiterhin deutlich erhöht ist. So berichten 23 Prozent der Befragten über Angstsymptome, ein Wert, der auch nach der Corona-Pandemie über dem Vor-krisenniveau liegt.
Vor diesem Hintergrund kommt der Förderung psychischer Gesundheit und Prävention eine besondere Bedeutung zu. Derzeit sind entsprechende Angebote in Nordrhein-Westfalen jedoch überwiegend projektbezogen organisiert. Diese Vielfalt gibt zwar Flexibilität, erschwert jedoch die Orientierung und mindert die Niedrigschwelligkeit.17 Prävention im Bereich psychischer Erkrankungen sollte daher langfristig systematisch und nicht fragmentarisch angelegt sein.
Die Zahl der Arbeitsunfähigkeitstage und der Frühverrentungen infolge psychischer Erkrankungen steigt kontinuierlich. 2020 führten psychische Erkrankungen zu durchschnittlich 48 Krankheitstagen – fünf Tage mehr als im Vorjahr – und waren 2023 mit 42 Prozent der häufigste Grund für Frühverrentungen. Außerdem gehen sie im Durchschnitt mit einer um rund zehn Jahre verkürzten Lebenserwartung einher und gehören zu den häufigsten Ursachen langjähriger gesundheitlicher Einschränkungen und Suizide. Schätzungen zufolge lagen die direkten und indirekten Kosten psychischer Erkrankungen in Deutschland in den vergangenen Jahren bei etwa 91 Milliarden Euro jährlich – Tendenz steigend.18
I. Beschlussfassung
Der Landtag stellt fest,
- dass die Anzahl psychischer Erkrankungen in Nordrhein-Westfalen und ganz Deutschland zunimmt
- dass sich die Arbeit innerhalb der psychiatrischen und psychotherapeutischen Versorgung verdichtet hat und eine koordinierte und sektorenübergreifende Behandlung notwendig ist, um insbesondere schwer psychisch erkrankte Menschen angemessen zu versorgen
- dass die Förderung psychischer Gesundheit und präventiver Angebote, insbesondere für Kinder und Jugendliche, langfristig wirksamer ist als nachgelagerte Behandlung
- dass niedrigschwellige Zugänge sowie eine enge Vernetzung der psychiatrischen und psychosozialen Hilfen entscheidend für eine bedarfsgerechte und nachhaltige Versorgung sind
- dass eine unzureichende oder verzögerte Behandlung psychischer Erkrankungen erhebliche volkswirtschaftliche Aufwendungen nach sich zieht.
Der Landtag beauftragt die Landesregierung im Rahmen vorhandener Mittel,
- das Bewusstsein für psychische Erkrankungen zu stärken und deren Entstigmatisierung voranzubringen,
- mit den Akteurinnen und Akteuren des Gesundheitswesens an einer Verbesserung hin zu einem umfassenden und übersichtlichen Angebot zur psychischen Gesundheit als integralem Bestandteil einer ganzheitlichen niedrigschwelligen Gesundheitsversorgung zu arbeiten,
- kultur-, sprach- und zielgruppensensible Präventionsmaßnahmen auf den Weg zu bringen, beginnend im Grundschulalter, adressiert an die Gesamtbevölkerung sowie an vulnerable Gruppen,
- den Ausbau gemeindepsychiatrischer Verbünde anzustreben,
- auf eine bedarfsgerechte und wirtschaftlich tragfähige psychiatrische Versorgungsstruktur durch ambulante, teilstationäre und stationsäquivalente Angebote hinzuwirken,
- die Selbsthilfe nachhaltig und strukturell zu stärken,
- soziale Teilhabe und Selbstbestimmung psychisch erkrankter Menschen durch bedarfsgerechte und zukunftsfähige Unterstützungsstrukturen zu sichern,
- die Verbesserung der psychischen Versorgung von wohnungslosen und von Wohnungslosigkeit bedrohten Menschen zu fördern,
- auf eine bedarfsgerechte, altersübergreifend abgestimmte psychiatrische und psychotherapeutische Versorgung für Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene hinzuwirken,
- zusammen mit den kommunalen Akteurinnen und Akteuren weitere Lösungsansätze für den Umgang mit Drogenkonsum im öffentlichen Raum zu entwickeln und dabei neue Problemlagen aufzugreifen,
- ein Handlungskonzept zur psychischen Versorgung rund um Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett zu erarbeiten,
- die Rahmenbedingungen dafür zu verbessern, dass Zwangsmaßnahmen in der psychiatrischen Versorgung weiter reduziert und der Schutz der Rechte betroffener Menschen gestärkt werden,
- auf präventiv, koordiniert und kontinuierlich ausgestaltete Angebote für diejenigen Menschen hinzuwirken, bei denen auf Grund ihrer psychischen Erkrankung ein stark erhöhtes Risiko für Handlungen besteht, die eine Unterbringung in der forensischen Psychiatrie zur Folge haben könnten, um Behandlungskontinuität zu sichern und den Schutz der Allgemeinheit zu gewährleisten. Dazu sind insbesondere die bestehenden Ideen zur modellhaften Erprobung von Präventionsstellen und von Krisendiensten umzusetzen sowie
- koordinierte und transparente Fallberatungen über Zuständigkeitsgrenzen hinweg zu fördern und die Zusammenarbeit von Kliniken sowie Sicherheits- und Justizbehörden zu ermöglichen.
1 https://www.dgppn.de/_Resources/Persis-
tent/a71c6af0841eb0236690e3d360630418d5f56c24/2025_DGPPN_Basisdaten%20Psychische%20Erkrankun-gen.pdf (Factsheet 2025)
2 https://broschuerenservice.mags.nrw/mags/shop/Bericht+Psychische+Erkrankungen+bf.pdf%7C2276
4 DGPPN (2024): https://www.dgppn.de/_Resources/Persistent/3067cbcf50e837c89e2e9307ce-cea8cc901f6da8/DGPPN_Factsheet_Kennzahlen.pdf
5 https://www.dgppn.de/_Resources/Persistent/5e4a4c12fa547441b1be3ad-bad82b57dac17a9d9/20241107_DGPPN_Versorgungsmodell.pdf
6 https://innovationsfonds.g-ba.de/projekte/versorgungsforschung/aktiv-studie.335 , https://www.vivantes.de/unter-nehmen/presse/pressemitteilungen/presse-detail/news/studie-zu-psychiatrischer-versorgung-zu-hause-mehr-zu-friedenheit-und-weniger-wiederaufnahmen
12 Fazel, Wheeler, Danesh, 2005 in https://www.baff-zentren.org/wp-content/uploads/2017/02/Versorgungsbe-richt_3-Auflage_BAfF.pdf
13 Zimmermann C, Hübner M, Mühle C, Müller CP, Weinland C, Kornhuber J, Lenz B (2024): Masculine depression and its problem behaviors: use alcohol and drugs, work hard, and avoid psychiatry! European Archives of Psychiatry and Clinical Neuroscience, 274 (2): 321-333.
15 DGPPN (2025): https://www.dgppn.de/_Resources/Persis-
tent/a71c6af0841eb0236690e3d360630418d5f56c24/2025_DGPPN_Basisdaten%20Psychische%20Erkrankun-gen.pdf
16 https://www.nap-gesundheitskompetenz.de/gesundheitskompetenz/forschungsergebnisse-f%C3%BCr-deutsch-land/, https://pub.uni-bielefeld.de/download/2950305/2950403/HLS-GER%202_Ergebnisbericht.pdf
17 Kinder- und Jugend-Gesundheit in NRW –
Prävention und Gesundheitsförderung zwischen Wissenschaft und Praxis, Joisten, C., Wisser,B. (2024)
18 DGPPN (2025): https://www.dgppn.de/_Resources/Persistent/3067cbcf50e837c89e2e9307ce-cea8cc901f6da8/DGPPN_Factsheet_Kennzahlen.pdf
