Fortschreibung des Landespsychiatrieplans

Antrag der Fraktionen von CDU und Grünen im Landtag

Portrait Meral Thoms

I. Ausgangslage

Psychische Gesundheit ist eine zentrale Voraussetzung für gesellschaftliche Teilhabe und in­dividuelle Lebensqualität. Ein zeitgemäßes Verständnis psychischer Gesundheit beginnt da­her mit weitsichtiger Präventionsarbeit und geht stets über die Behandlung von Erkrankungen hinaus. Es erfordert Versorgungsstrukturen, die Menschen befähigen, ihre individuellen Fä­higkeiten zu entfalten und am gesellschaftlichen Leben teilzuhaben. Vor diesem Hintergrund ist es erforderlich, die psychiatrische Versorgung in Nordrhein-Westfalen strategisch weiterzu­entwickeln und stärker sektorenübergreifend, bedarfsgerecht und lebensweltorientiert auszu­richten.

In Deutschland ist etwa jede dritte erwachsene Person im Laufe ihres Lebens von einer psy­chischen Erkrankung betroffen.1 Psychische Erkrankungen berühren somit nahezu alle Men­schen unmittelbar oder mittelbar über ihr familiäres, soziales oder berufliches Umfeld. Die ver­fügbaren Daten zur psychischen Gesundheit in Nordrhein-Westfalen zeigen insgesamt eine anhaltend hohe und in Teilen weiter zunehmende psychische Belastung in verschiedenen Be-völkerungsgruppen.2 So leiden laut Gesundheitsatlas Deutschland in Nordrhein-Westfalen rund 2,1 Millionen Personen an einer depressiven Störung. Rund 800.000 leiden an einer Angsterkrankung.

Rund 240.000 Menschen in Nordrhein-Westfalen werden jährlich stationär psychiatrisch be-handelt.3 Den größten Anteil bilden dabei Erkrankungen im Zusammenhang mit psychotropen Substanzen, insbesondere Alkohol sowie Beruhigungs- und Schmerzmittel, gefolgt von affek­tiven Störungen wie Depressionen.4 Die stationäre psychiatrische Versorgung hat sich in den vergangenen Jahren deutlich verdichtet: mehr Behandlungen bei kürzeren Aufenthalten und weniger Betten führen zu einem hohen Durchlauf und wachsendem Belastungsdruck auf die Versorgungsstrukturen.

Für Menschen mit psychischen Erkrankungen bedarf es neuer, gestufter und bedarfsgerechter Versorgungsmodelle, die sektoren- und settingübergreifend ausgerichtet sind und sich an den individuellen Bedürfnissen der Betroffenen orientieren.5 Innovative Versorgungsmodelle wie Konzepte zur vorgeplanten überörtlichen Hilfe oder stationsäquivalente Behandlungen (StäB), ermöglichen eine bedarfsorientierte, wohnortnahe Behandlung und tragen zur Reduktion von Zwangsmaßnahmen bei. Erste Evaluationen belegen eine signifikante Entlastung der Fach­kräfte, eine geringere Einweisungsrate und eine höhere Zufriedenheit bei den Patientinnen und Patienten.6

Trotz der Vielfalt ambulanter, (teil-)stationärer und ergänzender Angebote bestehen weiterhin Abstimmungsdefizite zwischen den Versorgungsbereichen, insbesondere in der langfristigen Begleitung von Menschen mit chronischen psychischen Erkrankungen und bei der Förderung ihrer gleichberechtigten gesellschaftlichen Teilhabe7. So engagiert sich das Land Nordrhein-Westfalen in der Weiterentwicklung gemeindepsychiatrischer Verbünde mit dem Ziel, die Zu­sammenarbeit der beteiligten Akteure sektorenübergreifend zu stärken8.

Besondere Aufmerksamkeit erfordert die Versorgung vulnerabler Personengruppen. Dazu zählen unter anderem rund 108.000 wohnungslose Menschen9, von denen mehr als jeder zweite eine Suchterkrankung aufweist.10 Hinzu kommen rund 800.000 Schutzsuchende, die aktuell in Nordrhein-Westfalen leben.11 Studien belegen, dass die Prävalenz posttraumatischer Belastungsstörungen bei Letzteren deutlich über dem Bevölkerungsdurchschnitt liegt und ihnen daher frühzeitige psychologische und psychiatrische Unterstützung zuzukommen lassen ist.12

Darüber hinaus bestehen ausgeprägte geschlechtsspezifische Unterschiede in der psychi­schen Gesundheit. Frauen berichten in Nordrhein-Westfalen wie bundesweit häufiger depres­sive Symptome als Männer. Männer hingegen zeigen bei depressiven Erkrankungen häufiger andere Symptomverläufe und nehmen Unterstützungsangebote deutlich seltener in An-spruch.13 Gleichzeitig nimmt Gewalt gegen Frauen durch Männer weiter zu, mit erheblichen psychischen und gesundheitlichen Folgen.14 Laut polizeilicher Kriminalstatistik Nordrhein-Westfalen waren im Jahr 2024 etwa 30.000 Frauen jährlich von sexualisierter Gewalt betrof­fen, die häufig mit langfristigen psychischen Folgeerkrankungen einhergeht.

Trotz der hohen Verbreitung psychischer Erkrankungen nehmen derzeit nur rund 19 Prozent der betroffenen Menschen eine professionelle Behandlung in Anspruch.15 Dies könnte zum einen auf strukturelle Zugangsbarrieren, aber auch auf Defizite in der Aufklärung und Gesund­heitskompetenz verweisen – die bei knapp 60 Prozent der Deutschen als eher gering einge­schätzt wird.16 Im Bereich der psychischen Gesundheit kann dies mit Stigmatisierung, Scham­gefühlen und Unsicherheiten bei der Hilfesuche einhergehen und eine frühzeitige Inanspruch­nahme professioneller Unterstützung erschweren.

Untersuchungen wie die COPSY-Studie (2024) zeigen auch, dass die psychische Belastung von Kindern und Jugendlichen weiterhin deutlich erhöht ist. So berichten 23 Prozent der Be­fragten über Angstsymptome, ein Wert, der auch nach der Corona-Pandemie über dem Vor-krisenniveau liegt.

Vor diesem Hintergrund kommt der Förderung psychischer Gesundheit und Prävention eine besondere Bedeutung zu. Derzeit sind entsprechende Angebote in Nordrhein-Westfalen je­doch überwiegend projektbezogen organisiert. Diese Vielfalt gibt zwar Flexibilität, erschwert jedoch die Orientierung und mindert die Niedrigschwelligkeit.17 Prävention im Bereich psychi­scher Erkrankungen sollte daher langfristig systematisch und nicht fragmentarisch angelegt sein.

Die Zahl der Arbeitsunfähigkeitstage und der Frühverrentungen infolge psychischer Erkran­kungen steigt kontinuierlich. 2020 führten psychische Erkrankungen zu durchschnittlich 48 Krankheitstagen – fünf Tage mehr als im Vorjahr – und waren 2023 mit 42 Prozent der häu­figste Grund für Frühverrentungen. Außerdem gehen sie im Durchschnitt mit einer um rund zehn Jahre verkürzten Lebenserwartung einher und gehören zu den häufigsten Ursachen langjähriger gesundheitlicher Einschränkungen und Suizide. Schätzungen zufolge lagen die direkten und indirekten Kosten psychischer Erkrankungen in Deutschland in den vergangenen Jahren bei etwa 91 Milliarden Euro jährlich – Tendenz steigend.18

I. Beschlussfassung

Der Landtag stellt fest,

  • dass die Anzahl psychischer Erkrankungen in Nordrhein-Westfalen und ganz Deutsch­land zunimmt
  • dass sich die Arbeit innerhalb der psychiatrischen und psychotherapeutischen Versor­gung verdichtet hat und eine koordinierte und sektorenübergreifende Behandlung not­wendig ist, um insbesondere schwer psychisch erkrankte Menschen angemessen zu versorgen
  • dass die Förderung psychischer Gesundheit und präventiver Angebote, insbesondere für Kinder und Jugendliche, langfristig wirksamer ist als nachgelagerte Behandlung
  • dass niedrigschwellige Zugänge sowie eine enge Vernetzung der psychiatrischen und psychosozialen Hilfen entscheidend für eine bedarfsgerechte und nachhaltige Versor­gung sind
  • dass eine unzureichende oder verzögerte Behandlung psychischer Erkrankungen er­hebliche volkswirtschaftliche Aufwendungen nach sich zieht.

Der Landtag beauftragt die Landesregierung im Rahmen vorhandener Mittel,

  1. das Bewusstsein für psychische Erkrankungen zu stärken und deren Entstigmatisierung voranzubringen,
  2. mit den Akteurinnen und Akteuren des Gesundheitswesens an einer Verbesserung hin zu einem umfassenden und übersichtlichen Angebot zur psychischen Gesundheit als integralem Bestandteil einer ganzheitlichen niedrigschwelligen Gesundheitsversorgung zu arbeiten,
  3. kultur-, sprach- und zielgruppensensible Präventionsmaßnahmen auf den Weg zu brin­gen, beginnend im Grundschulalter, adressiert an die Gesamtbevölkerung sowie an vulnerable Gruppen,
  4. den Ausbau gemeindepsychiatrischer Verbünde anzustreben,
  5. auf eine bedarfsgerechte und wirtschaftlich tragfähige psychiatrische Versorgungsstruk­tur durch ambulante, teilstationäre und stationsäquivalente Angebote hinzuwirken,
  6. die Selbsthilfe nachhaltig und strukturell zu stärken,
  7. soziale Teilhabe und Selbstbestimmung psychisch erkrankter Menschen durch bedarfs­gerechte und zukunftsfähige Unterstützungsstrukturen zu sichern,
  8. die Verbesserung der psychischen Versorgung von wohnungslosen und von Wohnungs­losigkeit bedrohten Menschen zu fördern,
  9. auf eine bedarfsgerechte, altersübergreifend abgestimmte psychiatrische und psycho­therapeutische Versorgung für Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene hinzuwirken,
  10. zusammen mit den kommunalen Akteurinnen und Akteuren weitere Lösungsansätze für den Umgang mit Drogenkonsum im öffentlichen Raum zu entwickeln und dabei neue Problemlagen aufzugreifen,
  11. ein Handlungskonzept zur psychischen Versorgung rund um Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett zu erarbeiten,
  12. die Rahmenbedingungen dafür zu verbessern, dass Zwangsmaßnahmen in der psychi­atrischen Versorgung weiter reduziert und der Schutz der Rechte betroffener Menschen gestärkt werden,
  13. auf präventiv, koordiniert und kontinuierlich ausgestaltete Angebote für diejenigen Men­schen hinzuwirken, bei denen auf Grund ihrer psychischen Erkrankung ein stark erhöh­tes Risiko für Handlungen besteht, die eine Unterbringung in der forensischen Psychiat­rie zur Folge haben könnten, um Behandlungskontinuität zu sichern und den Schutz der Allgemeinheit zu gewährleisten. Dazu sind insbesondere die bestehenden Ideen zur mo­dellhaften Erprobung von Präventionsstellen und von Krisendiensten umzusetzen sowie
  14. koordinierte und transparente Fallberatungen über Zuständigkeitsgrenzen hinweg zu fördern und die Zusammenarbeit von Kliniken sowie Sicherheits- und Justizbehörden zu ermöglichen.

 

1 https://www.dgppn.de/_Resources/Persis-

tent/a71c6af0841eb0236690e3d360630418d5f56c24/2025_DGPPN_Basisdaten%20Psychische%20Erkrankun-gen.pdf (Factsheet 2025)

2 https://broschuerenservice.mags.nrw/mags/shop/Bericht+Psychische+Erkrankungen+bf.pdf%7C2276

3 https://www.it.nrw/nrw-krankenhausbehandlungen-mit-der-diagnose-psychische-und-verhaltensstoerungen-na-hezu-auf-126038#:~:text=Im%20Jahr%202022%20wurden%20238,Verhaltensst%C3%B6rungen%20sta-tion%C3%A4r%20im%20Krankenhaus%20behandelt.&text=D%C3%BCsseldorf%20( IT.,zw%C3%B6lf%20Pro-zent%20der%20Behandlungen%20statt. (2022)

4 DGPPN (2024): https://www.dgppn.de/_Resources/Persistent/3067cbcf50e837c89e2e9307ce-cea8cc901f6da8/DGPPN_Factsheet_Kennzahlen.pdf

5 https://www.dgppn.de/_Resources/Persistent/5e4a4c12fa547441b1be3ad-bad82b57dac17a9d9/20241107_DGPPN_Versorgungsmodell.pdf

6 https://innovationsfonds.g-ba.de/projekte/versorgungsforschung/aktiv-studie.335 , https://www.vivantes.de/unter-nehmen/presse/pressemitteilungen/presse-detail/news/studie-zu-psychiatrischer-versorgung-zu-hause-mehr-zu-friedenheit-und-weniger-wiederaufnahmen

7 https://www.dgppn.de/_Resources/Persistent/6fae81e9ed5838d300e2a656f30b40b20c9d5a45/DGPPN_Dos-sier_2020.pdf?utm_source=chatgpt.com

8 https://www.mags.nrw/pressemitteilung/nordrhein-westfalen-foerdert-aufbau-flaechendeckender-gemeindepsy-chiatrischer

9 https://www.mags.nrw/wohnungslosenstatistik-2023-zahl-der-untergebrachten-wohnungslosen-nrw-erneut-ge-stiegen

10 https://suchtkooperation.nrw/fileadmin/user_upload/Wohnungslosigkeit_und_Sucht_Final_ErgaenzungMa-erz2020.pdf

11 https://www.destatis.de/DE/Themen/Gesellschaft-Umwelt/Bevoelkerung/Migration-Integration/Tabellen/schutz-suchende-bundeslaender.html

12 Fazel, Wheeler, Danesh, 2005 in https://www.baff-zentren.org/wp-content/uploads/2017/02/Versorgungsbe-richt_3-Auflage_BAfF.pdf

13 Zimmermann C, Hübner M, Mühle C, Müller CP, Weinland C, Kornhuber J, Lenz B (2024): Masculine depression and its problem behaviors: use alcohol and drugs, work hard, and avoid psychiatry! European Archives of Psychiatry and Clinical Neuroscience, 274 (2): 321-333.

14 https://www.bka.de/SharedDocs/Kurzmeldungen/DE/Kurzmeldungen/251121_BLB_Straftaten_ge-gen_Frauen2024.html

15 DGPPN (2025): https://www.dgppn.de/_Resources/Persis-

tent/a71c6af0841eb0236690e3d360630418d5f56c24/2025_DGPPN_Basisdaten%20Psychische%20Erkrankun-gen.pdf

16 https://www.nap-gesundheitskompetenz.de/gesundheitskompetenz/forschungsergebnisse-f%C3%BCr-deutsch-land/, https://pub.uni-bielefeld.de/download/2950305/2950403/HLS-GER%202_Ergebnisbericht.pdf

17 Kinder- und Jugend-Gesundheit in NRW –

Prävention und Gesundheitsförderung zwischen Wissenschaft und Praxis, Joisten, C., Wisser,B. (2024)

18 DGPPN (2025): https://www.dgppn.de/_Resources/Persistent/3067cbcf50e837c89e2e9307ce-cea8cc901f6da8/DGPPN_Factsheet_Kennzahlen.pdf