Eileen Woestmann: „Frühkindliche Bildung hat nachweislich das Potenzial, ungleichen Startchancen von Kindern entgegenzuwirken“

Zur Großen Anfrage der FDP-Fraktion "Bildungschancen in NRW"

Portrait Eileen Woestmann

Eileen Woestmann (GRÜNE): Sehr geehrter Herr Präsident! Verehrte Kolleginnen und Kollegen der demokratischen Fraktionen! Das Familienleben verändert sich gerade. Kinder verbringen immer mehr Zeit außerhalb des eigenen Elternhauses. Dennoch stellt die Vereinbarkeit von Familie und Beruf viele Eltern vor Herausforderungen. Gemeinsame Familienzeit wird weniger, digitale Endgeräte werden selbstverständlicher Teil des Alltags, und soziale Medien ersetzen manch persönlichen Kontakt.

Ein Chaot sitzt im Weißen Haus – das ist wohl noch die freundliche Bezeichnung –, und in Teilen Europas tobt der Krieg. Bilder von abgeschnittenen Zöpfen von Kurdinnen gehen um die Welt – Zöpfe von Frauen, die ermordet wurden.

In dieser turbulenten und unsicheren Welt stellt die Familie die ganze Welt im Kleinen für Kinder dar. Es ist eine herausfordernde Zeit, um Kinder großzuziehen, um als Eltern Zuversicht zu spüren, den Kindern eine gute Zukunft zu ermöglichen. Dennoch ist die Familie, ist das Elternhaus die wichtigste Komponente bei den Bedingungen für das Aufwachsen von Kindern.

Der finanzielle, soziale und emotionale Einfluss der Familie entscheidet damit oft schon bei der Geburt darüber, welchen Weg Kinder wahrscheinlich gehen werden oder auch gehen können. Das darf nicht sein.

Frühkindliche Bildung hat nachweislich das Potenzial, ungleichen Startchancen von Kindern entgegenzuwirken. Deshalb ist es so zentral, dass in der Kita nicht nur Betreuung angeboten wird, sondern auch Bildung.

Und die steht in Nordrhein-Westfalen im Vordergrund. In unseren Kitas leisten pädagogische Fachkräfte herausragende Arbeit für die Kinder in unserem Land. Gerade im Bereich der Sprachförderung gibt es mit den Plus-Kitas schon etablierte Strukturen, die Kinder bei sprachlichen Schwierigkeiten unterstützen – alltagsintegriert und vom Kind aus gedacht, in enger Beziehung mit den Erzieherinnen. Dazu kommen die Sprach-Kitas, die das Land in der Förderung vom Bund übernommen hat und die im neuen KiBiz mit der Förderung der Plus-Kitas zusammengelegt werden, um so die Sprachförderung für Kinder noch besser zu gestalten.

Nichtsdestotrotz gehört zur Wahrheit auch dazu, dass nicht die Kita alleine für die Sprachentwicklung der Kinder verantwortlich ist. In der Erziehungspartnerschaft auf Augenhöhe zwischen Eltern und Kita gehören die Eltern selbstverständlich dazu. Auch sie müssen ihre Verantwortung übernehmen.

(Vereinzelt Beifall von der CDU)

Dazu gehört, sich aktiv mit seinen Kindern zu unterhalten, Bücher vorzulesen und zu spielen. Mir ist sehr wichtig, zu betonen, dass das nicht die deutsche Sprache sein muss. Wir wissen aus Untersuchungen, dass Kinder, die ihre Herkunftssprache sicher beherrschen, weniger Schwierigkeiten haben, dann auch die deutsche Sprache zu erlernen.

Kitas sind nicht nur dafür da, Kinder sprachlich fit zu machen, sondern Kitas bereiten auf das Leben vor. Kitas sind keine Vorschulen, sondern ein Ort der frühkindlichen Entwicklungsphase. Das sollen und müssen sie auch bleiben. Kinder lernen im Spiel, im Erfahren, im Ausprobieren. Kinder machen Fehler, und darin müssen sie begleitet werden.

(Dilek Engin [SPD]: Man kann aber den Übergang zwischen Kita und Schule nicht davon trennen!)

Die von der FDP geforderten Prozesse, die in der Kita laufen sollen, finde ich etwas irritierend.

(Dilek Engin [SPD]: Vorschule ist etwas anderes! Eine frühe Förderung ab 4 Jahren ist etwas anderes! Das muss man erst mal verstehen!)

Wollen Sie, dass die Fachkräfte mehr Zeit am Kind verbringen? Oder wollen Sie, dass sie QM-Fragebögen ausfüllen, um zu belegen, dass sie theoretisch qualitativ hochwertig am Kind arbeiten können, das aber nicht tun, weil sie QM-Bögen ausfüllen? Sie tun gerade so, als würden unsere Fachkräfte nicht nach pädagogischen Konzeptionen, sondern rein nach Bauchgefühl arbeiten.

(Franziska Müller-Rech [FDP]: Das stimmt nicht!)

Auf Kinder, die nicht die Kita besuchen, müssen wir einen anderen Fokus legen. Das tut unsere Landesregierung auch. Durch den Vorschlag, ABC-Klassen einzurichten, sollen gerade die Kinder erreicht werden, die nicht die Kita besuchen, eine besondere Förderung aber brauchen. Durch die Verankerung im Schulgesetz wird der Besuch der ABC-Klassen verbindlich.

Wenn es dann zur Grundschule geht, kommt es für das System um das Kind herum oft zu einem Bruch. Die Zusammenarbeit von Kita und Schule muss an vielen Orten besser werden. Ich bin aber davon überzeugt, dass das nicht durch einen Erlass oder ein Gesetz von der Landesebene aus herbeigeführt werden kann.

(Dilek Engin [SPD]: Sondern?)

Es hängt doch vor allem an den handelnden Akteur*innen vor Ort und daran, wie gut die Netzwerkarbeit funktioniert. Es hängt daran, ob Schule die Bereitschaft hat, die Dokumentation der Kita in ihre Arbeit einfließen zu lassen, oder ob sie sich ein neues Bild vom Kind machen möchte.

(Dilek Engin [SPD]: Also liegt es nicht an der Landesregierung, sondern an Schule und Kita? Habe ich das richtig verstanden, Schule und Kita sind schuld?)

Wir stehen vor großen Herausforderungen. Es ist gut, dass sich der Landtag intensiv damit befasst. Was dabei mit Sicherheit nicht hilft, ist, die Qualität der frühkindlichen Bildung immer wieder pauschal infrage zu stellen und damit Unsicherheit zu schüren.

Das ist so nicht richtig.

(Franziska Müller-Rech [FDP]: Die Unsicherheit schaffen Sie schon mit dem KiBiz!)

Wir lehnen den Antrag daher ab. – Vielen Dank.

(Beifall von den GRÜNEN und der CDU)

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