Gönül Eğlence (GRÜNE): Sehr geehrter Herr Präsident! Sehr geehrte Kolleg*innen der demokratischen Fraktionen! Ja, es ist richtig, dass wir über Lehrkräftebildung sprechen. Es ist auch richtig, dass wir über Praxisnähe sprechen, und es ist richtig, dass wir uns fragen, wie angehende Lehrkräfte bestmöglich auf den Schulalltag vorbereitet werden.
Denn der Alltag an unseren Schulen ist anspruchsvoll. Er ist oft erfüllend, aber ebenso herausfordernd. Das Berufsbild von Lehrkräften verändert sich kontinuierlich durch Superdiversität, Inklusion, Digitalisierung, steigende psychosoziale Belastungen. Genau deshalb brauchen wir gut ausgebildete, resiliente und praxisfeste Lehrkräfte.
An dieser Stelle will ich gerne einmal betonen: Wir haben in Nordrhein-Westfalen viele hochengagierte Lehrkräfte, Menschen, die Tag für Tag Verantwortung übernehmen, sich fortbilden und nah an den Bedarfen ihrer Schülerinnen und Schüler arbeiten.
(Dilek Engin [SPD]: Das bestreitet ja auch keiner!)
Genau deshalb dürfen wir sie mit diesen Herausforderungen auch nicht alleinlassen. Gute Arbeitsbedingungen beginnen mit einer guten Ausbildung. Gerade deshalb stellt sich die Frage, warum die SPD diesen Antrag ausgerechnet jetzt vorlegt – Sie haben ein bisschen darauf hingewiesen. Wir befinden uns ja nicht in einer Phase des Stillstandes, sondern mitten in einem konkreten Reformprozess. In dieser Woche haben wir uns intensiv über die Änderung des Lehrerausbildungsgesetzes beraten. Dieser Gesetzentwurf ist kein Schnellschuss. Er basiert auf dem umfassenden Bericht des Schulministeriums zum Entwicklungsstand der Lehrkräfteausbildung, der unter breiter Beteiligung entstanden ist. Hochschulen, die Zentren für schulpraktische Lehrkräftebildung, Bezirksregierungen, Verbände und Lehramtsanwärter*innen waren eingebunden.
Grundlage war ein wissenschaftliches Gutachten der SWK, der Ständigen Wissenschaftlichen Kommission. Betrachtet wurden alle Phasen der Lehrkräftebildung, Studium, Vorbereitungsdienst und ihr Zusammenspiel.
Das Ergebnis ist, wie so oft, nicht schwarz und weiß, sondern differenziert. Die Grundstruktur der Lehrkräfteausbildung in NRW ist tragfähig, aber sie muss weiterentwickelt werden. Praxisphasen sollen früher ansetzen und besser verzahnt werden. Die Kohärenz zwischen den Phasen muss gestärkt werden. Studium und Vorbereitungsdienst müssen sich stärker an der schulischen Realität orientieren. Genau das greift der Gesetzentwurf auf, was mehrfach schon angesprochen wurde.
Viele Forderungen Ihres Antrags beschreiben daher Ziele, die längst Teil dieses Reformprozesses sind. Mehr Praxis – wir verankern sie gesetzlich.
(Dilek Engin [SPD]: Fünf Tage mehr!)
Bessere Verzahnung – sie ist ein zentrales Leitmotiv dieses Gesetzentwurfs. Wissenschaftliche Begleitung – sie bildet die Grundlage des gesamten Prozesses.
Politische Verantwortung endet nicht beim Ziel, sondern bei der Umsetzung, und genau hier wird Ihr Antrag ein bisschen schwierig. Das von Ihnen vorgeschlagene Pilotprojekt bleibt in zentralen Punkten vage. Wie sollen neue Organisationsstrukturen konkret aussehen? Wer trägt welche Ausbildungsanteile? Wie werden Fachwissenschaft, Fachdidaktik und Praxis systematisch verbunden? Woher kommt das zusätzlich qualifizierte Ausbildungspersonal?
Offen bleibt auch, wie die fachwissenschaftliche Fundierung des Masterstudiums gesichert wird. Praxis ist unverzichtbar, aber sie ersetzt keine solide wissenschaftliche Ausbildung. Gute Lehrkräfte entstehen durch das Zusammenspiel von Wissen, Reflexion und Anwendung.
Ihr Pilot formuliert Erwartungen, aber aus unserer Sicht kein tragfähiges Konzept. Deshalb sagen wir: Weiterentwicklung ja, aber strukturiert, evidenzbasiert und verantwortungsvoll. Wir freuen uns dennoch auf die weiteren Diskussionen im Ausschuss und stimmen der Überweisung zu. –Herzlichen Dank.
(Beifall von den GRÜNEN und der CDU)
