Julia Eisentraut (GRÜNE): Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen der demokratischen Fraktionen! Wir beraten heute keinen Schnellschuss, kein Symbolgesetz, sondern das Ergebnis eines sorgfältigen, datenbasierten und breit abgestimmten Prozesses. Grundlage dieses Gesetzentwurfs ist der Bericht der Landesregierung zur Lehrkräftebildung sowie die Auswertung wissenschaftlicher Empfehlungen, insbesondere der Ständigen Wissenschaftlichen Kommission.
Das heißt, dass dieses Gesetz stabil steht. Es ist fachlich belastbar, wissenschaftlich begründet und politisch verantwortungsvoll. Es setzt nicht auf Lautstärke, sondern auf nachhaltige Weiterentwicklung.
Die Ausgangslage ist klar und gleichzeitig herausfordernd. Der Lehrkräftemangel ist real, und gleichzeitig steigen die Anforderungen an Schule: heterogene und superdiverse Lerngruppen, unser Anspruch an Inklusion, der professionelle Umgang mit Mehrsprachigkeit, Digitalisierung als Daueraufgabe und die Verpflichtung, Demokratiebildung jeden Tag praktisch zu leben.
Gute Bildung beginnt bei gut ausgebildeten Lehrkräften, und genau hier setzt dieser Gesetzentwurf an.
Erstens: mehr klug verzahnte Praxisorientierung. Der Gesetzentwurf stärkt den Praxisbezug im Studium deutlich. Es gibt mehr Praxiselemente, und das früher im Studium und systematischer eingebunden. Das ist eine direkte Antwort auf eine zentrale Erkenntnis der wissenschaftlichen Gutachten. Theorie und Praxis müssen enger zusammenrücken. Angehende Lehrkräfte brauchen realistische Einblicke und professionelle Begleitung nicht erst kurz vor dem Staatsexamen. Diese Reform reduziert Brüche, beugt Überforderungen vor und stärkt die Qualität der Ausbildung insgesamt.
Zweitens: neue Zugangswege, aber qualitätsgesichert und diversitätssensibel. Wir öffnen den Weg in den Lehrer*innenberuf weiter – aber ohne Qualitätsverlust. Der vereinfachte Seiteneinstieg und die erleichterte Anerkennung ausländischer Abschlüsse sind kein reiner Fachkräftereflex, sondern ein klares Bekenntnis: Vielfalt in Biografien stärkt Vielfalt in Perspektiven, und davon profitieren Schüler*innen und Kollegien gleichermaßen.
Drittens: Stärkung der sonderpädagogischen Förderung, die fachlich tiefer, professioneller, wirksamer wird. Die Anforderungen an inklusive und diverse Lerngruppen steigen. Deshalb ist die klare fachliche Stärkung der Sonderpädagogik notwendig und richtig. Fachliche Tiefe, Diagnostik und individuelle Förderung sind keine Nischen, sondern gehören zum Kern der Bildungsgerechtigkeit,
(Beifall von den GRÜNEN und Marc Blondin [CDU])
und Bildungsgerechtigkeit ist eine strukturelle Aufgabe, die wir hiermit angehen.
Viertens: Innovation im Berufskolleg. Besonders begrüßenswert ist der Modellversuch der Hochschulen für Angewandte Wissenschaften, der es ermöglicht, einen eigenen Master für das Lehramt am Berufskolleg im technischen Bereich anzubieten. Dieser Modellversuch wurde lange geplant und vorbereitet. Ich weiß, dass sich die Hochschulen für Angewandte Wissenschaften auf diesen Schritt freuen und das zum Gelingen bringen. Wir stärken damit Innovation, modernisieren technische Berufe und reagieren auf den realen Bedarf in Wirtschaft und Handwerk.
Dieses Gesetz ist kein Endpunkt, aber ein sehr guter, tragfähiger Schritt. Ich halte fest: Dieses Gesetz schafft realistische Verbesserungen, statt Erwartungen zu wecken, die das System „Schule“ derzeit nicht erfüllen kann. Die wichtige Arbeit geht aber weiter. Die psychosoziale Gesundheit von Lehrkräften, Neurodivergenz, eine sensible Ausbildung, die professionelle Arbeit mit Mehrsprachigkeit, Medienkompetenz, KI-Bildung und der Umgang mit gesellschaftlicher Heterogenität bleiben auf der Agenda. Dafür legt dieses Gesetz eine stabile Grundlage.
Dieser Gesetzentwurf verbindet wissenschaftliche Erkenntnisse mit politischer Verantwortung. Er stärkt die Lehrkräftebildung nachhaltig und trägt dazu bei, dass Schulen Orte bleiben, an denen Demokratie, Vielfalt und Zukunftsfähigkeit nicht nur gelehrt, sondern gelebt werden.
Wir freuen uns auf die Beratungen im Ausschuss.
(Beifall von den GRÜNEN und der CDU)
