Vor 65 Jahren haben die Bundesrepublik Deutschland und die Türkei das deutsch-türkische Anwerbeabkommen unterzeichnet. Zu diesem Anlass haben die Fraktionen von CDU, SPD und Grünen an diesem Mittwoch einen Antrag in den Landtag eingebracht und beschlossen, mit dem sie sich für gleichberechtigte Bildungs-, Ausbildungs- und Aufstiegschancen für Menschen mit Einwanderungsgeschichte sowie für den gesellschaftlichen Austausch mit der Türkei einsetzen. Dazu erklären die Fraktionsvorsitzenden Thorsten Schick (CDU), Jochen Ott (SPD),und Josefine Paul, Sprecherin der Grünen Fraktion im Hauptausschuss:
Thorsten Schick: „Das Wirtschaftswunder der 1960er-Jahre wäre ohne die Menschen, die als Gastarbeiter aus der Türkei zu uns kamen, nicht möglich gewesen. Sie haben unser Land mit aufgebaut. Trotzdem sind ihre Leistungen oft unerwähnt geblieben. Viele von ihnen mussten Rassismus und Ausgrenzung erfahren. Dabei zeigen Lebensgeschichten wie die von İlkay Gündoğan, der Kapitän der deutschen Fußball-Nationalmannschaft war und dessen Großvater unter Tage im Ruhrgebiet arbeitete: Nicht Ausgrenzung, sondern Zusammenhalt macht uns stark. Heute sind Menschen mit türkischen Wurzeln aus Schulen, Polizei, Ehrenamt und vielen anderen Bereichen nicht wegzudenken. Dafür gebührt ihnen Anerkennung und unser Dank. Nordrhein-Westfalen und die Türkei verbindet zudem eine enge wirtschaftliche Partnerschaft. Diese Verbundenheit ist ein Gewinn – für unsere Gesellschaft und für unseren Wohlstand. 65 Jahre nach dem Abwerbeabkommen sagen wir deshalb: Tesekkür ederim!“
Jochen Ott: „Wenn wir über die erste Generation sprechen, denken wir oft an Männer – doch auch viele Frauen kamen nach Deutschland, um zu arbeiten und zum wirtschaftlichen Aufschwung beizutragen. Die griechischen, türkischen, jugoslawischen und italienischen Arbeiterinnen bei Pierburg in Neuss kämpften erfolgreich gegen diskriminierende Bezahlung und setzten damit ein wichtiges Zeichen für Gleichberechtigung und das politische Selbstbewusstsein von Migrantinnen in Deutschland.
Ihre Geschichte steht beispielhaft für die Leistungen und den Mut einer Generation, die unser Land nachhaltig geprägt hat. Deshalb müssen wir entschieden widersprechen, wenn Nationalisten und Rechtsextremisten heute die Beiträge der Einwanderer gegen die Wiederaufbauleistungen der Deutschen ausspielen. Es waren die Nationalsozialisten, die Deutschland in Krieg und Zerstörung führten – und ohne die Arbeitsleistung der Zugewanderten hätte sich der wirtschaftliche Aufschwung der sechziger Jahre nicht in gleicher Weise fortsetzen können. Die Einwanderergeneration hat Wohlstand geschaffen und ist ein unverzichtbarer Teil unserer deutschen Geschichte und unserer Gemeinschaft.“
Josefine Paul: „Die Menschen, die vor 65 Jahren im Rahmen der Anwerbeabkommen aus der Türkei und anderen Ländern nach Nordrhein-Westfalen gekommen sind, haben einen wichtigen Beitrag zur wirtschaftlichen Entwicklung und zum Wohlstand beigetragen und unser gesellschaftliches und kulturelles Leben geprägt.
Wir wollen die Lebensleistung dieser Menschen in besonderer Weise anerkennen und als Teil unserer gemeinsamen Geschichte sichtbar machen. Auch mit all ihren Brüchen und Herausforderungen.
Politik und Verwaltung haben die Ankommenden lange Zeit nicht ausreichend unterstützt. Ihre Erfahrungen waren und sind wichtige Impulsgeber für unsere heutige gut ausgebaute Integrationsinfrastruktur.
Viele Menschen mit biografischem Bezug in die Türkei haben eine Heimat in NRW gefunden und stärken bis heute die Beziehungen unserer Länder. Zu unseren Beziehungen mit der Türkei gehört ebenso ein offener Dialog über Demokratie, Rechtsstaatlichkeit sowie Menschen- und Minderheitenrechte selbstverständlich dazu.“
