Reden, Beer, Schule

Antrag der SPD-Fraktion zur Schulpolitik

Sigrid Beer: "Lassen Sie uns die Schulen nicht überfordern!"

Sigrid Beer (GRÜNE): Sehr geehrte Frau Präsidentin! Kolleginnen und Kollegen! Das war wieder sehr eindrucksvoll, Frau Müller-Rech.

(Susanne Schneider [FDP]: Finde ich auch!)

Erfahrungswissen und Bildungsforschungsergebnisse müssen gemeinsam betrachtet werden.

(Zuruf von der SPD: So ist das!)

Bestimmte Ergebnisse aus der Bildungsforschung belegen leider schon seit Jahren, dass Lehrkräfte unbewusst offensichtlich mit Namen auch soziale Milieus verbinden und dass die Leistungszumessung und die Bewertung dadurch beeinflusst werden.

(Jochen Ott [SPD]: So ist das!)

Wer das wie Sie nicht zur Kenntnis nehmen will, der ist in diesem Diskurs leider nicht richtig drin.

(Beifall von den GRÜNEN und der SPD)

Das tut mir leid. Aber dann müssen wir gemeinsam darüber reden, warum das einfach noch nicht angekommen ist.

(Zuruf von Franziska Müller-Rech [FDP])

Ich will zu diesem Antrag gerne etwas speziell an die SPD gerichtet sagen. Ich finde es richtig, dass wir das Konzept der Talentschulen sehr kritisch miteinander diskutieren. Die Kollegin Müller-Rech hat jetzt gerade noch einmal gesagt, da sollten die Effekte gemessen werden, die der Ressourceneinsatz bringt. Wenn uns gleichzeitig versprochen wird, dass wir nicht sechs Jahre darauf warten, dass dieses Konzept in die Fläche verteilt wird, dann frage ich mich, wie valide gemessen werden soll, was der Ressourceneinsatz in einem Jahr oder in zwei Jahren dann bringt.

(Beifall von der SPD)

Wie sieht jetzt die Eingangsmessung aus? Das werden wir uns im Ausschuss mal vorlegen lassen, damit wir dieses Konzept verstehen. Das kann nämlich so gar nicht funktionieren.

Jetzt zu dem Antrag: Ja, „Schatzsucher-Schulen“ ist ein schöner Titel. Ich will aber gleich zu Anfang sagen: Bitte lassen Sie uns die Schulen nicht überfordern! Wir fokussieren zu sehr auf die Schulen. Wir müssen viel mehr auf das Quartier schauen und auf die Vernetzung im Quartier. Da sind die Ressourcen, die wir in der Schule haben, die Kompetenzen. Wir brauchen dringend eine Verbindung mit der Jugendhilfe, mit den Sozialämtern, mit den Jobcentern. Im Prinzip müssen wir einen Bildungscampus gestalten, in den auch die zivilgesellschaftlichen Akteurinnen mit eingebunden werden, die Migrantenselbstorganisationen zum Beispiel, die Familienhilfe und die Weiterbildung, die dort eingesetzt werden kann. Von daher würde ich den Fokus gerne etwas weiter aufmachen. Das müssen wir miteinander diskutieren.

Es hat sich eine Gruppe von Schulen in Nordrhein-Westfalen gebildet, die sich „Schulen am Wind“ nennen, um deutlich zu machen, dass sie sehr große Herausforderungen zu bewältigen haben, aber diese annehmen und sich ihnen stellen, um weiter voranzukommen für die ihnen anvertrauten Schülerinnen und Schüler. Aber sie brauchen dringend Unterstützung. Da können wir nicht darauf warten, dass diese Erkenntnisse aus den Talentschulen – die, wie gesagt, sehr begrenzt angelegt sind und wo ich große Fragezeichen mache – bei diesen Schulen, die sie heute dringend brauchen, ankommen.

Deswegen müssen wir uns über diese Instrumente, die kurzfristig greifen können, unterhalten. Das ist zum Beispiel die Absenkung von Unterrichtsverpflichtungen. Das ist das Einsetzen von Teamzeiten, damit in der Multiprofessionalität wirklich miteinander gearbeitet werden kann mit der Jugendhilfe, mit dem Sozialamt, mit dem Jobcenter, damit da die Zusammenarbeit klappt, mit dem Familienzentrum im Übergang von der Kita in die Grundschule und in die weiterführende Schule. Das sind die Herausforderungen, damit man wirklich die Unterstützungsstrukturen miteinander vernetzt.

Wenn dann dazu natürlich hilft, den Sozialindex zu schärfen, dann ist das auch wichtig. Dann muss man sich aber auch den Herausforderungen auf der kommunalen Ebene stellen und da auch das Rückgrat haben, entsprechend Ressourcen zu steuern. Das ist nicht nur eine Landesaufgabe, sondern auch eine kommunale Aufgabe. Darüber sind wir uns wirklich, glaube ich, gemeinsam im Klaren.

Sie fordern die Landesregierung unter III. auf, „Schülerinnen und Schüler, die an DaZ-Kursen oder Integrationsklassen teilnehmen, auf alle Sekundarstufe-I-Standorte“ zu verteilen. Dann muss aber auch auf Dauer gewährleistet sein, dass die Schulen offen sind für alle Kinder und dass sie sie zu einem ersten Abschluss führen. Denn es kann ja kein Bussing-System sein, dass dort Kurse angeboten werden, und dann werden die Kinder im nächsten Jahrgang wieder an einem anderen Ort beschult.

Das heißt, die Integrationsfähigkeit, die Offenheit der Schulen für alle Kinder unabhängig von Herkunft, von Ethnie, vom Grad von Handicap und Behinderung muss gegeben sein. Da steuert leider die Landesregierung in eine ganz andere Richtung. Auch darüber werden wir uns miteinander unterhalten müssen, wenn wir diesen Antrag hoffentlich mit der Anhörung begleitet noch einmal intensiver diskutieren werden.

Also: Ich finde, das ist ein richtiger Ansatz. Aber wir sollten über die Schule hinausblicken in die Vernetzung, in das Quartier, in den Stadtteil, damit wir Schule, Jugendhilfe, soziale Unterstützung zusammenbringen, damit wir die Übergänge besser gestalten auch mithilfe von Familienzentren, von weiteren Unterstützungsstrukturen. Das wird die Herausforderung sein. Denn Schule kann diese Problemlage der Ungleichheit …

 

Vizepräsidentin Carina Gödecke: Frau Kollegin Beer.

 

Sigrid Beer (GRÜNE): … nicht alleine stemmen, und wir sind gehalten, die Schulen bei dieser Aufgabe bestmöglich zu unterstützen.

(Beifall von den GRÜNEN und der SPD)

Vizepräsidentin Carina Gödecke: Frau Kollegin Beer, es gibt den Wunsch nach einer Zwischenfrage bei Herrn Kollegen Ott.

 

Sigrid Beer (GRÜNE): Gerne, ja, natürlich.

 

Jochen Ott (SPD): Frau Kollegin Beer, danke, dass Sie die Zwischenfrage zulassen. Sie haben aus meiner Sicht vollkommen recht mit dem, was Sie als Letztes gesagt haben. Aber wir haben ja heute Mittag die Debatte „Schulsozialarbeit“. Wir hatten letzte Woche die Anhörung „Ganztag“. Da kann man doch festhalten, dass alle Experten im Grunde genommen genau dazu geraten haben, nämlich multiprofessionell mit einem Blick im Quartier gemeinsam auf insbesondere diese Kinder, eigentlich auf alle, aber doch mit einem besonderen Schwerpunkt, zu blicken.

 

Sigrid Beer (GRÜNE): Herzlichen Dank, Herr Kollege Ott. Das kann ich bejahen. Ich will aber vor allen Dingen unterstreichen, dass es mich fassungslos macht, wie unfähig die Koalitionsfraktionen sind, die Ergebnisse einer Anhörung auch anzunehmen und damit offensiv umzugehen, und dass sie es innerhalb der Schulausschusssitzung fertiggebracht haben, diese Dinge dann zu negieren.

(Widerspruch von der CDU und der FDP)

– Entschuldigung, den Vorwurf müssen Sie sich doch gefallen lassen, wenn Sie die Expertise von Anhörungen, die wir ja hier nicht umsonst machen, sondern weil wir die Menschen hören wollen, die in der Arbeit drinstecken, einfach vom Tisch wischen, Herr Löttgen.

(Zuruf von Bodo Löttgen [CDU])

Ja, Ihre Fraktion ist leider an vorderster Front mit dabei. Da kommen sich doch die Akteure, die wir einladen, schon ein bisschen auf den Arm genommen vor. Gerade in der Frage der Schulsozialarbeit werden wir genau das heute noch einmal debattieren müssen. Wie viele Runden haben wir dazu gedreht, und wie groß ist eigentlich der Erkenntnisgewinn aufseiten der regierungstragenden Fraktionen?

Was mich vor allen Dingen dabei ärgert, ist, Kollege Ott, dass die Hand ausgeschlagen wird. Das sind Dinge, die wir eigentlich gemeinsam stemmen müssen, weil es nicht die Frage einer Legislatur oder der Farbenlehre eine Regierung ist; da müssen wir zu gemeinsamen Konzepten kommen. Dazu wollen wir anbieten, gemeinsam zu gestalten und auch in Beratungsrunden zu gehen, aber das alles wird negiert.

Ich befürchte, dass es diesem Antrag auch so ergehen wird. Aber wir werden deutlich machen, wo die fachlichen Notwendigkeiten eigentlich liegen.

(Beifall von den GRÜNEN – Vereinzelt Beifall von der SPD)

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