Reden, Schule, Beer

Antrag der FDP zur Leistungsgerechtigkeit an Schulen

Sigrid Beer: "Mit uns geht es weiter für ein modernes und gutes Bildungssystem"


Sigrid Beer (GRÜNE): Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Zuallererst meinen herzlichen Gruß an dich, Renate, nicht nur, weil du heute diese tolle grüne Jacke trägst,

(Heiterkeit von den GRÜNEN)

sondern ganz herzlichen Dank für die gute Zusammenarbeit, für den gemeinsamen Rückenwind, dafür, die Bildung in Nordrhein-Westfalen voranzubringen. Ich bedaure es sehr, dass du in der nächsten Legislaturperiode nicht mehr hier im Haus sein wirst, aber ich weiß, dass du immer aktiv sein wirst für das Vorantreiben der Bildung in Nordrhein-Westfalen. Ganz herzlichen Dank und dir persönlich alles Gute.

(Beifall von den GRÜNEN und der SPD)

Ich möchte, liebe Kolleginnen und Kollegen, zu diesem Antrag ganz anders beginnen und Prof. Gerald Hüther zitieren, der gesagt hat:

„Alles das, was dazu führt, dass sich die Beziehungsfähigkeit von Menschen verbessert, ist gut fürs Hirn und gut für die Gemeinschaft, in der diese Menschen leben. Alles, was die Beziehungsfähigkeit von Menschen einschränkt und unterbindet, unterminiert, ist schlecht fürs Hirn und schlecht für die Gemeinschaft.“

Manfred Spitzer ergänzt:

„So wie unser Gehirn beschaffen ist, wird immer dann gelernt, wenn positive Erfahrungen gemacht werden.“

Jetzt komme ich zu dem Antrag. Es war ja ein Déjà-vu, was sich da aufgetan hat; von der Elementarbildung bis hin zur Hochschule. Elementarbildung und schleichende Leistungslosigkeit – das wirklich in zwei Sätzen hintereinander zu bringen, war schon ein furioser Auftakt. Das muss man wirklich sagen. Das ist unglaublich.

Da wird deutlich, welcher Druck durch die FDP in fünf Jahren in das Bildungssystem hineingebracht worden ist; durch frühere Einschulung, durch die Schulzeitverkürzungen in der Sekundarstufe I im G8 und durch all die Dinge, die ich mal unter dem Begriff „little shop of horrors“ zusammenfasse, die Sie hier noch einmal aufgeführt haben.

(Zuruf von Yvonne Gebauer [FDP])

Ich will daran erinnern: 1.000 Grundschulleitungen haben 2010 unterschrieben, dass sie diese Grundschulgutachten nicht mehr wollen,

(Zuruf von Marcel Hafke [FDP])

weil die Bildungswege für Kinder offengehalten werden sollen, weil sie nicht frühzeitig über Kinder urteilen wollen. Das war eine große Bewegung. Und all diese engagierten Pädagoginnen und Pädagogen werden nicht wieder zurück wollen zu diesem Modell, welches Sie hier aufmachen.

(Beifall von der SPD)

Dazu kommen wirklich die Unsinnigkeiten der Kopfnoten. Ich will noch einmal daran erinnern, was hier im Land passiert ist: Es wurden Pauschalnoten vergeben. In Köln war es die 1, in Dortmund war es die 2. Die Kolleginnen und Kollegen haben zur Notwehr gegriffen, um Listen auszulegen, und dann wurden Einheitsnoten verteilt.

So viel dazu, was Sie vorangebracht haben. Es war gut und richtig, das abzuschaffen, und das wird es nicht wieder geben. Ich garantiere das von dieser Stelle: mit uns nicht, mit der SPD nicht. Das ist Vergangenheitspolitik.

(Beifall von den GRÜNEN und der SPD)

Sie haben hier noch einmal gezeigt, was im Kern eigentlich in der FDP steckt. Da hat sich im Denken doch gar nichts verändert.

Zum Thema „frühe Einschulung“: Sie haben das doch vorangetrieben! Wenn es nach Ihnen gegangen wäre, wären die Kinder mit fünf Jahren flächendeckend in die Schule gekommen. Wir haben das gestoppt, und es ist gut, dass wir es gestoppt haben.

Wir werden einen Schritt weiter gehen, sodass die Schulleitungen über die Frage von Rückstellungen viel autonomer entscheiden können, weil das im Sinne der Kinder ist. Und Sie wollen das hier wieder aufs Tapet heben? Das ist doch wirklich unsäglich. Das macht deutlich, Sie legen den Turbo in einer unsäglichen Art und Weise an. Sie wollen Druck auf Kinder ausüben. Das verstehen Sie unter Leistung. Nein, Leistung muss positiv entwickelt werden. Leistung ist ein positiver Begriff. Er wird nicht durch negative Elemente befördert. Was Sie in dieser Art und Weise voranbringen möchte, ist nämlich Bulimie-Lernen. Das ist ganz deutlich: Reinstopfen wie durch einen Trichter! – Aber das ist nicht nachhaltig. Deswegen ist es wichtig, das Lernen insgesamt anders aufzustellen.

(Beifall von den GRÜNEN)

Ich möchte noch einmal deutlich sagen: Wir haben in der letzten Woche gemeinsam einen wunderbaren Termin in den Aktiven Schulen in Wülfrath gehabt. Das war ganz hervorragend. – Da nickt die Kollegin. Das ist toll. Sie haben gezeigt, wir dort mit individueller Förderung, mit offenen Angeboten, mit individuellen Lernzeiten und jahrgangsübergreifendem Unterricht Leistung entwickelt wird und wie wohl sich Schülerinnen und Lehrer in diesem System fühlen.

Sie diffamieren das jahrgangsübergreifende Lernen in diesem Antrag im nächsten Zug. Wie unaufrichtig waren Sie denn in der letzten Woche, um das dort zu loben? Dann reden Sie doch Klartext und sagen, dass Sie das eigentlich gar nicht möchten, sondern lieber jahrgangsweise im Zug und im Gleichschritt. Das kann doch so nicht sein. Es ist scheinheilig, wenn man so agiert.

(Vereinzelt Beifall von den GRÜNEN)

Dann möchte ich noch etwas zur Exzellenz und zu den Vorstellungen sagen, die die FDP so hat. 30 Exzellenzgymnasien sollen geschaffen werden.

(Zuruf von Marcel Hafke [FDP])

Das haben wir schon gehört. Das ist nichts im Vergleich zu den 600 Schulen, die im Zukunftsnetzwerk Schule gemeinsam Schulentwicklung machen. Das ist nichts im Vergleich zu den 137 Exzellenzschulen im MINT-Cluster, die dort Exzellenz produzieren.

Präsidentin Carina Gödecke: Die Redezeit.

Sigrid Beer (GRÜNE): Das ist nichts im Vergleich zu den mehr als 600 SOS-Schulen gegen Rassismus, die gesellschaftlich Leistung erbringen und sich hier aufstellen.

– Frau Präsidentin?

Präsidentin Carina Gödecke: Die Redezeit.

Sigrid Beer (GRÜNE): Die Redezeit. Schade, ich dachte, es gäbe eine Zwischenfrage. – Dann muss ich in der Tat hier abbrechen. Ich kann leider nichts mehr dazu sagen, was Sie mit Delfin 4 und 5 angerichtet haben. Kinder sind dort verstummt. Deswegen ist es gut, dass Sprachförderung altersintegriert betrieben wird.

Noch etwas: Eine Campus-Maut gibt es mit uns nicht.

Dieser Antrag ist rückwärtsgewandt. Das ist Politik von gestern. Mit uns geht es weiter für ein modernes und gutes Bildungssystem mit großer Leistung.

(Beifall von den GRÜNEN und der SPD) 

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