Reden, Rüße, Naturschutz

Antrag der Fraktion der SPD zur Insektenvielfalt

Norwich Rüße: "...dass wir in den Siedlungsräumen für mehr insektenfreundliche Gestaltung sorgen"


Norwich Rüße (GRÜNE): Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Herr Diekhoff, manchmal denke ich, dass man über Dinge reden sollte, von denen man eine Menge versteht, und bei Dingen, von denen man nicht so viel versteht, besser schweigen sollte.

(Beifall von den GRÜNEN – Dr. Christian Blex [AfD]: Warum reden Sie dann hier? – Zuruf von Dietmar Brockes [FDP] – Lachen von der FDP)

Ich weiß gar nicht, wo Sie Ihre Kenntnisse hernehmen, wenn Sie über Naturschutzgebiete reden.

(Zurufe von der FDP: Oh!)

Sie sagen, die Weiden und Wiesen, die es dort gibt, seien artenarm.

(Zuruf von Christof Rasche [FDP])

Diese Weiden werden extra erst nach Mai gemäht, um genau dafür zu sorgen, dass die Pflanzen erst einmal ausblühen und Insekten Nahrung bieten. Danach werden sie vom Landwirt geschnitten – mit dem Nachteil, dass der Futterwert natürlich geringer ist.

Ich empfehle Ihnen: Besichtigen Sie mal, bevor Sie solche Allgemeinplätze raushauen, ein Naturschutzgebiet. Schauen Sie sich das an; denn der Zustand ist nicht so, wie Sie ihn dargestellt haben.

(Zuruf von Markus Diekhoff [FDP])

Ich möchte zum eigentlichen Thema kommen. Wir alle haben seit mehreren Jahren Untersuchungen einzelner Arten auch hier in Nordrhein-Westfalen vorliegen: über die Bestände von Hummeln, über die Entwicklung der Bienenbestände. Jetzt kam noch die Untersuchung aus Krefeld dazu, die über drei Jahrzehnte darstellt, wie der Bestand zurückgegangen ist.

Herr Deppe, man kann natürlich viel kritisieren, und das ist ja auch passiert. Wenn Sie auf „top agrar online“ nachschauen, sehen Sie, dass die Untersuchung in, meiner Meinung nach, ziemlich fieser Art und Weise heruntergemacht worden ist. Diejenigen, die die Studie betreiben, sind als Hobbyforscher bezeichnet worden. – Nein, das haben Sie nicht gemacht.

Da sind jede Menge Diplom-Biologen tätig, die das in ihrer Freizeit weitermachen, die das, wofür wir vielleicht nicht genügend Gelder bereitstellen, zu ihrem Hobby erklären und Insektenforschung betreiben. Vielleicht wäre es die Aufgabe des Staates, das zu ermöglichen. Ich finde, diesen Menschen gebührt ein Dankeschön dafür, dass sie diese Forschung über drei Jahrzehnte gemacht haben. Nur deshalb haben wir die Ergebnisse.

(Beifall von den GRÜNEN)

Wenn wir den Befund, dass es 75 % weniger Insekten gibt, mal in Relation zu dem setzen, was bei den Vogelbeständen passiert ist – da haben wir eine bessere Datengrundlage, weil dort auch Ehrenamtliche, Naturschutzverbände, die Ornithologen-Gesellschaft usw. schon seit sehr langer Zeit Daten erheben –, kommen wir zu ziemlich ähnlichen Zahlen. Ob Kiebitz oder Uferschnepfe, auch bei diesen Tieren haben wir einen Rückgang von etwa 70 %.

Wir können also festhalten: Das Insektensterben reiht sich nahtlos ein in das, was wir an Befunden zu Feldvögeln haben.

(Dr. Christian Blex [AfD]: Die werden totgeschlagen!)

Ich habe daher wenig Zweifel daran, dass diese Zahlen stimmig sind.

Es ist deshalb gut, dass die SPD diesen Antrag heute einbringt. Es ist auch richtig, dass wir noch einmal genau schauen, wo die konkreten Ursachen liegen. Woran liegt es, dass die Insekten sterben? Herr Deppe, ich unterstütze Sie, wenn Sie sagen, dass wir den Dingen auf den Grund gehen müssen.

Es kann aber nicht sein, dass wir nur jahrelang forschen, forschen, forschen und diese Legislaturperiode mit der Forschung nach Ursachen quasi verplempern. Dazu ist die Lage, glaube ich, zu dramatisch.

(Dr. Christian Blex [AfD]: Und was wollen Sie tun?)

Wir sind jetzt aufgerufen, die Indizien ernst zu nehmen. Es gibt natürlich starke Hinweise darauf, wo die Ursachen liegen könnten.

(Dr. Christian Blex [AfD]: Welche?)

Die Landesregierung ist aufgerufen, Sofortmaßnahmen zu ergreifen und die Programme, die wir gemeinsam tragen, zum Beispiel Uferrandstreifen und Blühstreifen, zu verstärken, um das Angebot für die Insektenwelt zu verbessern.

Dazu gehört aber auch – das fällt mir immer wieder auf, wenn ich durch die Landschaft fahre –: Die Landesregierung sollte sehr deutlich an die Landwirte appellieren, dass das Pflügen bis an den Wegrand, bis an die Grabenkante endlich aufhört; denn da wird der Natur natürlich Raum genommen.

Das heißt aber auch – Glyphosat war ja Thema in den letzten Tagen –: Mit einem Glyphosat-verbot allein – das mag man sich zwar wünschen – kommen wir nicht weiter. Wir brauchen ein klares Reduktionsprogramm. Das, was wir bei Antibiotika hinbekommen haben – eine Halbierung des Verbrauchs; niemand hat geglaubt, dass das funktioniert –, muss bei Pflanzenschutzmitteln genauso möglich sein. Das ist, glaube ich, der wichtigste Schritt, damit wir das Insektensterben aufhalten und wieder zu mehr Artenvielfalt kommen können.

Dazu gehört natürlich auch die Beweidung von Grünland. Dafür muss man aber die entsprechenden Voraussetzungen schaffen. Dazu gehört, dass wir in den Siedlungsräumen für mehr insektenfreundliche Gestaltung sorgen.

(Dr. Christian Blex [AfD]: Mehr Fliegen, mehr Mücken!)

Das, was wir mittlerweile überall sehen, mag man ja arbeitsmäßig begrüßen, zum Beispiel wenn Steingärten angelegt werden, aber die Kommunen und das Land sind aufgerufen, eine Trendumkehr zu bewirken, damit die Menschen eine gute Landschaft für die Insekten herstellen.

Meine Damen und Herren, die alte Landesregierung hat mit der Biodiversitätsstrategie und dem neuen Landesnaturschutzgesetz ein gutes Fundament gelegt, auf das die neue Landesregierung aufsatteln sollte. Sie sollten dieses Fundament nutzen und dem Artenschutz in diesem Land eine hohe Priorität einräumen.

Wir freuen uns auf die Debatte im Ausschuss. – Vielen Dank.

(Beifall von den GRÜNEN – Vereinzelt Beifall von der SPD)

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