Reden, Paul

Antrag der Fraktionen von CDU und FDP Zu Girls' Day und Boys' Day

Josefine Paul: "Das ist das Potenzial, das eure Betriebe brauchen, um zukunftsfähig zu werden"


Josefine Paul (GRÜNE): Vielen Dank. – Herr Präsident! Sehr geehrte Damen und Herren! Die freundliche Zusammenfassung dieses Antrags könnte „dürr“ lauten. Weniger freundlich könnte man allerdings auch „Arbeitsverweigerung“ sagen, wenn man sich die Beschlussfassung anschaut. Dort heißt es:

„Die Landesregierung soll Frauen in ‚Männerberufen‘ und Männer in ‚Frauenberufen‘ fördern. Daher wird sie beauftragt, die Aktionstage Girls‘Day und Boys‘Day mit eigenen Aktionen zu unterstützen und weiterzuentwickeln.“

Halleluja! Wer könnte dem widersprechen?

(Vereinzelt Beifall von den GRÜNEN – Zurufe von der CDU)

Ich gehe davon aus, dass sich die Landesregierung derzeit auch schon am Girls’Day und am Boys’Day beteiligt. Zumindest hat die alte Landesregierung das getan. Ich weiß nicht, ob Ihre Landesregierung einen derartigen Nachholbedarf hat. Aber das könnte man auch auf der Arbeitsebene klären, dafür muss man kein so dünnes Papierchen auf den Tisch legen.

Wichtig ist allerdings die Fragestellung, wie wir tatsächlich mit geschlechtersensibler Berufswahlorientierung umgehen. Da ist mehr abzuliefern, als den Girls’Day und den Boys’Day fördern zu wollen.

Ich habe mir beispielsweise einmal in dem Berufsbildungsbericht des Bundesministeriums den Anteil der jungen Mütter und Väter an den Auszubildenden angeschaut. Dort kann man leider die recht schlechte Bilanz lesen, dass 50,4 % aller jungen Mütter und 34,1 % aller jungen Väter zwischen 16 und 24 Jahren ohne Berufsabschluss sind, keine Schule besuchen oder keine Berufsausbildung machen. Hier wäre ein konkreter Ansatzpunkt, um junge Eltern durch das konkrete Instrument der Teilzeitausbildung zu unterstützen.

(Vereinzelt Beifall von der SPD)

Von konkreten Ansätzen und Konzepten ist bei Ihnen nichts zu lesen.

Frau Butschkau hat gerade schon darauf hingewiesen, welche Berufe mehrheitlich von Frauen gewählt werden und welche Berufe mehrheitlich von Männern gewählt werden, dass sich Frauen nach wie vor auf relativ wenige Berufe konzentrieren. 75 % aller Frauen wählen aus ungefähr 25 Berufsarten, bei den Männern sind es ein paar mehr. Nach wie vor lässt sich feststellen, dass es viel Luft nach oben gibt, vor allem wenn wir uns anschauen, dass junge Frauen vergleichsweise selten in Handwerksberufe gehen. Da ist auf jeden Fall Luft nach oben.

Mit wem könnten Sie das besprechen? Das können Sie mit Ihrer Landesregierung besprechen. Es wäre aber sinnvoller, Maßnahmen zusammen mit den Kammern zu planen und zu sagen: Liebe Handwerkskammer, das ist das Potenzial, das ihr heben müsst. Das ist das Potenzial, das eure Betriebe brauchen, um zukunftsfähig zu werden.

(Vereinzelt Beifall von den GRÜNEN)

Gleichermaßen besteht natürlich auch noch Luft nach oben, wenn wir uns anschauen, dass Männer in erzieherischen, sozialen und gesundheitlichen Ausbildungsberufen nach wie vor unterrepräsentiert sind. Aber auch da braucht es doch mehr als die warmen Worte, dass Sie mehr Männer in Frauenberufe bringen möchten. Auch da wäre es doch sinnvoll, zu wissen, wie man das eigentlich anstellen möchte. Aber wir bleiben mit Ihnen offensichtlich leider nur auf der appellativen Ebene: Möglicherweise könnte es doch gut sein.

Frau Butschkau hat darauf hingewiesen: Die rot-grüne Landesregierung hat konkrete Maßnahmen ergriffen. Mit „Kein Abschluss ohne Anschluss“ und „GenderKompetent“ haben wir Projekte zur Weiterqualifizierung und Berufswahlorientierung junger Männer und Frauen auf- gelegt, was genderbezogene Kompetenzen angeht. Es kommt doch darauf an, dass diejenigen, die in der Berufswahlorientierung wichtig sind – die Lehrerinnen und Lehrer, die Berate- rinnen und Berater, sowohl bei den Arbeitsagenturen als auch in der Studienberatung –, Genderkompetenzen haben, damit dort geschlechtersensibel beraten werden kann.

Eines will ich Ihnen noch mit auf den Weg geben, weil es mir zu einfach ist, wenn Sie nur sagen, Sie möchten mehr Frauen in Männerberufen und mehr Männer in Frauenberufen: Ich möchte, dass die Menschen einen Beruf nach ihren Fähigkeiten und danach auswählen, was sie interessiert. Das bedeutet aber auch, dass viele Mädchen, die heute einen „klassischen“ Frauenberuf auswählen, in der Konsequenz davor stehen, dass diese Berufe schlechter bezahlt sind und schlechtere Aufstiegschancen bieten.

Wie wäre es, wenn wir gemeinsam die Initiative dafür ergreifen, dass die Berufe, die mehrheitlich von Frauen ausgeübt werden, die gesellschaftliche Wertschätzung erfahren, die Ihnen zusteht, und gleichermaßen auch besser bezahlt werden? Damit würden die hoch wichtigen Tätigkeiten in den sogenannten Care-Berufen endlich aufgewertet.

(Beifall von den GRÜNEN und der SPD)

Damit müssten wir die Frauen für ihre Aufstiegschancen und für ihre Existenzsicherung nicht davon überzeugen, in technische Berufe zu gehen. Damit könnten wir ihnen sagen: Mach, was du möchtest und worin dein Interesse besteht, davon kannst du leben. Das ist unsere Verantwortung, der Sie mit diesem Antrag leider überhaupt nicht gerecht werden.

(Beifall von den GRÜNEN – Zuruf von der AfD – Zuruf von Minister Karl-Josef Laumann)

–  Das verhandeln wir doch gerade in Berlin.

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