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Dr. Ruth Seidl zum „March for Science“

Eine freie Gesellschaft braucht eine freie Wissenschaft

Sie wollen ein Zeichen für die Freiheit der Wissenschaft setzen und zeigen, welche wichtige Rolle sie für unsere Gesellschaft spielt – deswegen gehen an diesem Samstag beim „March for Science“ weltweit Menschen auf die Straße. Denn in vielen Ländern der Welt gerät die unabhängige Wissenschaft derzeit zunehmend unter Druck – nicht nur aufgrund von drastischen Budgetkürzungen.

Wissenschaft muss frei sein, respektiert und auskömmlich finanziert sein, damit sich soziale, ökologische und technische Innovationen entfalten können. Während hierzulande die Budgets für Hochschulen und Forschung steigen, haben einige Staaten innerhalb und außerhalb Europas die Mittel teils drastisch gekürzt. Das gefährdet den Fortbestand von unabhängiger Wissenschaft. Diesen gilt es aber zu fördern, denn ohne Wissenschaft geraten auch Wirtschaft und Gesellschaft in einen Stillstand: Ohne neue Technologien gibt es keine wirtschaftliche Entwicklung, ohne Analysen zur sozialen Entwicklung beispielsweise nicht mehr soziale Gerechtigkeit.

Initiiert wurde der „March for Science“ von Wissenschaftler*innen in den USA – als Protest gegen Maßnahmen von Präsident Trump. Denn die Lage in den USA ist besorgniserregend. Wenn wissenschaftliche Fakten geleugnet und stattdessen „alternative Fakten“ präsentiert werden, wenn die Förderung von Forschung gegen den Klimawandel, für Geschlechtergerechtigkeit und generell für die Beseitigung sozialer Ungleichheiten aus ideologischen Gründen gestrichen wird, dann hat das Auswirkungen auf die gesamte Gesellschaft. Auch Abschottung und Ausgrenzung sind nicht legitim. Hochschulen sind weltoffene Orte und Keimzellen kritischen Denkens. Ohne differenzierte Sichtweisen, ohne Meinungsvielfalt und einen internationalen Austausch fehlen die Grundlagen für (eine erfolgreiche) Wissenschaft.

Die Situation in der Türkei ist noch deutlich schlimmer. Die Meinungsfreiheit wurde drastisch eingeschränkt, Andersdenkende werden verfolgt und inhaftiert, Wissenschaftler*innen werden entlassen und friedliche Proteste von Akademiker*innen gewaltsam bekämpft. Für uns in Deutschland ist die vom Grundgesetz geschützte Wissenschaftsfreiheit ein hohes Gut, genauso wie alle anderen Verfassungsrechte. Es liegt in unserer Verantwortung, diese Freiheit zu verteidigen und denjenigen beizustehen, denen sie verwehrt wird.

Es gibt über diese aktuellen Beispiele hinaus noch viele andere Staaten, in denen die freie Wissenschaft bedroht wird oder schon nicht mehr existiert. Dies sind oftmals Staaten, in denen auch die übrige Zivilgesellschaft von Gewalt oder Verfolgung betroffen ist. Viele Wissenschaftler*innen aus diesen Staaten hoffen auf Zuflucht in Deutschland. Wir sollten sie mit offenen Armen empfangen, damit sie ihre Forschung zumindest zeitweise hier fortsetzen können. Der Landtag hat beschlossen, dass sich NRW für eine freie und international kooperierende Wissenschaft einsetzt, dass verfolgte Wissenschaftler*innen bei uns weiter arbeiten können und dass dafür die notwendigen Bedingungen in Deutschland verbessert werden.

Aber nicht allein Kriege, auch das Erstarken von nationalistischen, fremdenfeindlichen und autoritären Bewegungen weltweit gefährdet die Meinungs- und Wissenschaftsfreiheit sowie nicht zuletzt die Demokratie an sich. Hetze und Falschmeldungen stehen im krassen Gegensatz zu einer Gesellschaft, die eigentlich darauf angewiesen ist, Haltung zu zeigen für Vielfalt und Toleranz, für einen offenen Dialog und Gerechtigkeit.

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