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Drei Fragen an Sigrid Beer zum Philosophieren mit Kindern

Wir wollen Kinder und ihre Lebensfragen ernst nehmen

Wo kommen wir her? Wo wollen wir hin? Was bedeutet gutes Handeln? Was ist Glück? – auch Kinder bewegen die großen Fragen unserer Existenz und nach dem Sinn des Lebens. Wir wollen allen Mädchen und Jungen, die an keinem Religionsunterricht teilnehmen, auch schon in der Grundschule ein Unterrichtsangebot machen, das ihnen Raum für ihre Fragen und Gedanken sowie für die Grundlagen unseres Zusammenlebens gibt.

1. Du hast eine Initiative für Philosophie-Unterricht schon ab der Grundschule gestartet. Warum ist dieses Angebot so wichtig?

Sigrid Beer: Unsere Gesellschaft ist vielfältig. Das zeigt sich auch bei der Religionszugehörigkeit – unter anderem der von Grundschüler*innen. Im aktuellen Schuljahr sind laut der Statistik in NRW 35,2 Prozent der Mädchen und Jungen als katholisch aufgeführt, 23,3 Prozent als evangelisch und 17,2 Prozent als islamisch. Der Anteil der Kinder ohne Konfessionszugehörigkeit wächst seit Jahren. Aktuell sind es 18,4 Prozent. Wir wollen ihnen neben dem bekenntnisorientierten Religionsunterricht auch schon in der Grundschule ein Unterrichtsangebot machen, das sie und ihre Existenzfragen ernst nimmt. Unsere Initiative wird übrigens von Elternverbänden und auch Kirchenvertreter*innen unterstützt.

2. Wie kann das „Philosophieren mit Kindern“ ganz praktisch aussehen?

Sigrid Beer
: Es geht natürlich nicht darum, mit den Grundschüler*innen Adorno oder Kant zu lesen. Geburt, Tod, gutes Handeln, Verantwortung, Wahrheit, Lebensträume – diese Themen bewegen aber auch schon junge Kinder. Wir wollen, dass ausgehend von ihren Fragen das Rätselhafte in der Welt, eigene Deutungen und die von anderen sowie humanitäre Werte diskutiert werden. Wie sehe ich mich selbst? Wie sehe ich andere? Was bedeutet Gerechtigkeit? Diese und viele weitere Fragen beschäftigen Schüler*innen auch schon in der ersten Klasse und können mit ihnen diskutiert werden. Es geht dabei auch darum, das Denken und Debattieren zu schulen.

3. Gibt es bereits Erfahrungen aus Grundschulen?

Sigrid Beer: An der PRIMUS-Schule Berg Fidel in Münster haben die Grundschüler bereits in sechs Projektwochen philosophiert. Ganz konkret ging es bei einer Einheit um das Gewissen, das die Kinder anschaulich mit der „inneren Stimme“ übersetzten. Das hat uns Prof. Dr. Klaus Blesenkemper berichtet, der Fachdidaktik Philosophie und Praktische Philosophie an der Westfälischen Wilhelms-Universität lehrt und die Schule bei dem Projekt unterstützt. Er ist mit Leidenschaft bei der Sache, wenn es darum geht, mit Kinder zu diskutieren und eben zu philosophieren. Und die Unterstützung von Herrn Blesenkemper ist in der Schule hoch willkommen, wie die Lehrerin Barbara Wenders betonte. Ein anderes Mal stand ein Schwein vor Gericht und irgendwann die Frage im Raum, ob das denn überhaupt richtig ist. Können Tiere für ihre Handlungen zur Rechenschaft gezogen werden? Und wenn nicht: Warum können wir Menschen verantwortlich gemacht werden? Wir wollen Lehrerinnen und Lehrer nun für dieses neue Fach qualifizieren. In der Übergangszeit mithilfe von Zertifikatskursen, generell muss das Studium für Grundschullehrkräfte um das Angebot „Praktische Philosophie“ erweitert werden.


Zum Hintergrund:

In der Sekundarstufe I gibt es das Fach „Praktische Philosophie“ in NRW bereits als Ersatzfach. Es ist aber noch nicht an allen Schulen eingeführt. Das Fach „Philosophie“ ist in der gymnasialen Oberstufe das Ersatzfach für den konfessionellen Religionsunterricht. Wir wollen nun ein durchgängiges Angebot von der Grundschule an etablieren und haben mit dem Fachverband Philosophie NRW dazu bereits eine Fachveranstaltung im Landtag durchgeführt. Prof. Dr. Klaus Blesenkemper hat nun eine anschauliche Übersicht über die Grundprinzipien und Lerninhalte von der Primarstufe bis zur SEK II aufbereitet. „Der Baum der philosophischen Einsicht“, so der Titel der Veröffentlichung, berücksichtigt auch den von Herrn Blesenkemper mitgestalteten und ergänzten Ersten Entwurf für einen Grundschullehrplan „Praktische Philosphie“, den der Fachverband Philosophie NRW (Koordination Dr. Klaus Draken) vorgelegt hat. Die Publikation im Auftrag der GRÜNEN Landtagsfraktion kann hier eingesehen werden.

 

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