Artikel, Netzpolitik, Seidl, Bolte, Hochschule & Wissenschaft, Onlinepublikationen, Slider

Internationaler Tag des Internets 2015

1 Thema, 2 Abgeordnete: Unterwegs im Netz – frei, sicher & selbstbestimmt

Am 29. Oktober 1969 kam bei einem Experiment der University of California in Los Angeles auf einem Computer in Standfort eine einfache Nachricht erst im zweiten Versuch an: „log“. Diese erste über das Internet versendete Botschaft markiert die Geburtsstunde des world wide web. Beim ersten Versuch war die Verbindung noch abgebrochen, bevor der dritte Buchstabe des kurzen Wortes seinen Weg ins Netz finden konnte. 46 Jahre später - am Internationalen Tag des Internets – unterhalten sich zwei unserer Abgeordneten über die Bedeutung, die das Internet für sie hat, ihren Zugang zu diesem Medium sowie über Chancen und Risiken, die es birgt: Matthi Bolte, netzpolitischer Sprecher ist digital native – also mit dem Internet aufgewachsen. Ruth Seidl, unsere hochschulpolitische Sprecherin hat als digital immigrant das Internet erst im Erwachsenenalter kennengelernt.

Matthi: Meine Generation kann sich ein Leben ohne Internet kaum noch vorstellen. Kannst Du Dich noch an deine erste E-Mail erinnern? Wie nutzt Du das Netz? Wie hat sich Deine Kommunikation geändert?

Ruth: Ich kann mich noch gut an die ersten Mails Mitte der 90er Jahre erinnern. Das war schon ein Quantensprung in Sachen elektronischer Postversand und Kommunikation. Aus meiner Sicht hat das Netz unsere Kommunikation direkter, schneller und unmittelbarer gemacht. Egal zu welcher Zeit oder auf welchem Kontinent man sich befindet, man hat immer die Möglichkeit, mit Leuten unkompliziert in Kontakt zu treten und sich zu vernetzen. Und es birgt auch riesige Potenziale für die politische Kommunikation. Das Erreichen von Zielgruppen ist viel einfacher und punktgenauer geworden. Die Möglichkeiten, Feedback zu bekommen und zu geben, sich auszutauschen und Standpunkte zu diskutieren, sind enorm vielfältig. Das ist auch gut für die Reflektion der eigenen Themen. Insgesamt nutze ich das Internet als umfassende und ständig verfügbare Informationsquelle. Für mich ist es eine Bereicherung des Wissens und es überwiegen in jedem Fall die Vorteile bei der Internetnutzung. Wie ist es denn für Dich, als einen unserer jüngeren Abgeordneten und als netzpolitischer Sprecher? Wo siehst du die Chancen des Internets? Wie wird sich unser Alltag weiter verändern?

Matthi: Ich bin überzeugt, dass das Internet große Chancen für alle Lebensbereiche bietet. Mein Herzensanliegen ist es, die Digitalisierung für die Revitalisierung unserer Demokratie zu nutzen. Da geht es nicht nur um den leichteren Kontakt von Bürgerinnen und Bürgern mit politischen Entscheidungsträgerinnen und Entscheidungsträgern. Da geht es auch um E-Government, also die schnelle Nutzung der Dienstleistungen öffentlicher Stellen. Wir wollen als GRÜNE für mehr Transparenz sorgen und das Internet nutzen, um mehr Daten öffentlich zugänglich zu machen. Mit dem Online-Check setzen wir uns zum Beispiel dafür ein.

Es gibt aber noch ein weiteres, gewaltiges Potenzial. Da denke ich an die Digitalisierung des wirtschaftlichen Lebens. Wir sprechen heute vor allem von „Industrie 4.0“, auch weil wir in NRW mit den tollen Strukturen insbesondere in Ostwestfalen hier gut aufgestellt sind. Aber Wirtschaft ist auch in NRW nicht nur Industrie, sondern es geht auch um die Digitalisierung von Mittelstand, Handwerk und Handel. Da kämpfen wir zum Beispiel dafür, den inhabergeführten Einzelhandel fit für das digitale Zeitalter zu machen. Die Bedeutung des Internets für den Hochschulbereich ist aber auch enorm. Was macht das Leben der Studierenden und Lehrenden aus Deiner Sicht einfacher?

Ruth: Die neue Generation der Studierenden ist in der Tat sehr medienaffin. Darauf haben sich die Hochschulen in den letzten Jahren eingestellt und sind dabei, neben der gewohnten Form der Wissensvermittlung verstärkt auch auf Elemente des Blended Learning zu setzen, bei dem neben der klassischen Präsenzlehre auch Formen der selbstgesteuerten, mediengestützten Wissensvermittlung hinzu kommen. Hierbei ist auch die Bereitschaft der Lehrenden gefordert, ihre Lehre im Rahmen der (Medien-) Didaktik weiterzuentwickeln.

Und wir beide, Matthi, haben ja bei den bisherigen Stationen unserer Digitalisierungstour an der Schnittstelle von Wissenschaft und Netzpolitik in den letzten Wochen und Monaten schon einige Hochschulen und Institute besucht, die Studiengänge konzipiert haben, in denen webbasierte Innovationen entwickelt werden, zum Beispiel im Bereich Game Design, IT-Services für die öffentliche Verwaltung oder Computervisualistik. Da passiert gerade ganz viel Spannendes an unseren Hochschulen.

Aber mir sind auch zunehmend die Risiken des Internets bekannt. Meinst Du, dass wir das Internet in den nächsten Jahren weiterhin frei, sicher und selbstbestimmt nutzen können?

Matthi: Zunächst mal muss man festhalten: Wenn man bei jeder neuen Technologie beziehungsweise jedem neuem Medium  ausschließlich auf  jene hören würde, die nur die Risiken sehen, hätten wir heute keine Bücher, kein Theater oder Fernsehen und vermutlich nicht einmal Straßen und Fahrräder. Heute sind alle froh, wenn ihre Kinder ein Buch lesen. Im 18. Jahrhundert galt die Lesesucht aber als gefährlich für den Nachwuchs. Damit will ich sagen: Technologische Entwicklungen brauchen ihren Raum und den sollten wir ihnen lassen. Und auch die gesellschaftliche Entwicklungskomponente dürfen wir nicht vernachlässigen: Eine freie Gesellschaft braucht auch ein freies Internet, in dem man frei kommunizieren kann – deshalb sind wir GRÜNE klar gegen die Vorratsdatenspeicherung. Wir brauchen aber auch einen durchsetzungsstarken Datenschutz und effektive Aufsichtsbehörden.

Wir erleben aber – gerade auch vor dem Hintergrund der gegenwärtigen Flüchtlingsdebatte – auch die Kehrseite: Hetze und „Hate Speech“ sind am Stammtisch genauso unerträglich wie im Netz. Was strafrechtlich relevant ist, muss mit Nachdruck verfolgt werden. Dabei sind wir darauf angewiesen, dass beispielsweise die Betreiber sozialer Netzwerke bei der Verfolgung von Hasskriminalität besser mit den Behörden kooperieren. Genauso gibt es massiven Verbesserungsbedarf bei den Mechanismen der Selbstregulierung. Klar ist aber: Schutzmaßnahmen dürfen nicht als Vorwand genutzt werden, um Grundrechte zu untergraben. Das Recht auf anonyme und pseudonyme Kommunikation etwa darf nicht zur Disposition gestellt werden. Was den persönlichen Umgang mit dem Netz angeht, setzen wir ja auch auf die Stärkung der Medienkompetenz. Was gehört für Dich dazu?  

Ruth: Ich finde, Medienkompetenz braucht man im Umgang mit allen Medien, nicht nur im Umgang mit dem Netz. Wichtig in Sachen Medienkompetenz im Netz ist mir besonders der Datenschutz in  sozialen Netzwerken. Aber auch unerwünschte Werbung, ständige Erreichbarkeit und Reaktionserwartung sowie die Gefahren von Cybermobbing sind Aspekte, die schon den jüngsten Userinnen und Usern näher gebracht werden sollten.

Was das individuelle Nutzerverhalten angeht, sollte jede und jeder für sich ein ideales Wohlfühl-Maß rausfinden, was die tägliche Zeit im world wide web angeht. Ich denke schon, dass es nach wie vor wichtig ist, dass Jugendliche sich auch noch mit anderen Dingen beschäftigen Und zum Beispiel Sport treiben, ein Instrument spielen oder sich ehrenamtlich engagieren. Aber auch das ist ja mittlerweile teilweise durchaus digital möglich. Ein aufgeschlossener und wacher Blick auf die Dinge ist meiner Meinung nach im Umgang mit den neuen Medien angebracht. Und vielleicht ist es sinnvoll, einfach mal abzuschalten, wenn es einem zu viel wird. 

Diese Seite drucken