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Josefine Paul zum Coming Out-Day

„Queere Jugendliche brauchen Schutzräume und Vorbilder – überall“

Obwohl die „Ehe für alle“ beschlossen ist, sind viele Schwule und Lesben noch immer alltäglicher Diskriminierung ausgesetzt. Zum heutigen Coming Out-Day berichtet Josefine Paul, unsere Sprecherin für Frauen- und Queerpolitik, im Kurzinterview unter anderem über die erste European Lesbian Conference.

1.  Am Wochenende hast Du an der 1. European Lesbian Conference (EL*C) teilgenommen. Wie ist es zu diesem Austausch von über 500 Frauen aus ganz Europa gekommen?

Josefine Paul: Lesben sind in Europa noch immer eine wenig sichtbare Minderheit – auch innerhalb der LSBTI-Community. Daher hatte eine Gruppe sehr engagierter lesbischer Aktivist*innen die Idee zu dieser europäischen Konferenz. Eines der zentralen Themen der Konferenz war daher auch „lesbische Sichtbarkeit“, nicht nur in der Theorie, sondern auch in der Praxis. Am Samstagabend zogen die Teilnehmer*innen der Konferenz beim „European Lesbian March“ mit Trommeln, Pfeifen und Transparenten durch die Wiener Innenstadt.

Mit so vielen engagierten Frauen in den Austausch zu kommen, zu diskutieren, zu demonstrieren, aber auch zu feiern, war eine ganz tolle Erfahrung. Teilnehmer*innen und Organisator*innen haben sich fest vorgenommen, dass dies nicht die einzige EL*C bleiben soll. Es wäre wichtig, wenn die EL*C als politische Plattform für mehr Sichtbarkeit von Lesben und ihren politischen Forderungen eine Fortsetzung finden würde. 

2.  Welche Themen standen im Mittelpunkt des Treffens in Wien?

Josefine Paul: Besonders wichtig waren uns Vernetzung und Austausch. Die Lebenssituationen lesbischer Frauen in Europa sind sehr verschieden. Die Konferenz hat Lesben aus unterschiedlichsten Ländern und Kontexten, einen Raum gegeben, um politische Forderungen zu entwickeln und Grundlagen für eine europäische Lesbenbewegung zu legen. Darunter waren neben Politiker*innen zum Beispiel auch Aktivist*innen, Wissenschaftler*innen und Künstler*innen.

Darüber hinaus wurde ein erster „EL*C Brief Report in Lesbian* Lives in (parts of) Europe“ vorlegt, also ein Bericht zur Lebenssituation von Lesben in Europa. Die Datengrundlage ist in diesem Bereich noch recht mager. Aber einige zentrale Ergebnisse müssen uns doch nachdenklich machen: Fast die Hälfte aller lesbischen Frauen in Europa traut sich auch heute noch nicht, in der Öffentlichkeit Händchen zu halten. Das trifft leider auch auf fast jede dritte Lesbe in Deutschland zu.

Und auch Erfahrungen mit Diskriminierung werden nur selten gemeldet. Nur 8 Prozent der Diskriminierungserfahrungen (egal welcher Art) werden offiziellen Stellen gemeldet. Selbst Gewalterfahrungen wurden im europäischen Durchschnitt nur in 21 Prozent der Fälle der Polizei gemeldet. Das zeigt die sehr hohe Dunkelziffer.

Auch in NRW haben wir noch einiges zu tun, um die Diskriminierung von lesbischen Frauen und Mädchen zu bekämpfen. Lesbische Frauen und Mädchen sehen sich leider oftmals sexistischer und homophober Mehrfachdiskriminierung ausgesetzt. Wir erwarten daher, dass die neue Landesregierung den Landesaktionsplan gegen Homo- und Transphobie fortschreibt und dabei auch sehr bewusst und offensiv die Lebenssituationen lesbischer Frauen und Mädchen in den Blick nimmt.

3.  Heute ist Coming Out-Day. Was rätst Du allen, die ihres noch vor sich haben?

Josefine Paul: Heute ist nicht nur Coming Out-Day, sondern auch Weltmädchentag. Leider ist ein Coming Out für viele Mädchen heute noch keine Selbstverständlichkeit. Die Schule ist häufig kein diskriminierungsfreier Raum, sondern leider zu oft das Gegenteil. Deshalb ist es wichtig, dass es spezielle Einrichtungen für Mädchen und LSBTI-Jugendliche gibt. Wir brauchen diese Orte als Schutzräume, aber auch als Orte des Empowerments, an denen junge Lesben erfahren, dass sie nicht allein sind, Vorbilder finden und sich gegenseitig unterstützen können.

Obwohl Lesben und Schwule jetzt heiraten können und damit auch in der Öffentlichkeit sichtbarer und gleichberechtigter sind, machen viele Jugendliche in der Phase ihres Coming Outs erstmal die Erfahrung sich anders zu fühlen, nicht „normal“ zu sein. Es ist noch immer eine Art Bekenntnis, das Mut erfordert. Wir haben in NRW einige LSBTI-Jugendzentren und Jugendgruppen, die LSBTI-Jugendliche unterstützen. Unter www.queere-jugend-nrw.de können Jugendliche Angebote in ihrer Nähe finden.

Als ich mein Coming Out hatte, gab es in meiner Nähe kein solches Angebot. Ich finde es toll, dass es heute diese Orte gibt. Es gibt aber noch einige weiße Flecken, vor allem in eher ländlichen Regionen. Wir wollen auch hier Projekte unterstützen.

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